Freitag, 27. Juli 2018

Bei uns ist Momo nicht willkommen



Vor ein paar Tagen fragte mich Louisa beim Essen "Kennst Du Momo?"

Mir war klar, sie meint nicht das Mädchen aus dem Buch mit Michael Ende.
"Nö, was'n das schon wieder"

"Ach das ist wieder so ein Gruselkettenbrief"

"Oh Mann, ihr immer mit diesem Scheiß, Du kennst ja meine Meinung."

Ja, die kennt sie und findet sie gut.
Wer Louisa nicht kennt, Louisa ist 12 und ich würde sie als recht medienkompetent bezeichnen.



Sie bekam "erst" ein Handy in den letzten Wochen der Grundschulzeit um Nummern mit ihren alten Freunden auszutauschen. Die meisten hatten da schon ihr Handy, Louisa bettelte und jammerte, doch da blieb ich eisern, ein Grundschüler der im Ort zur Schule geht, wo jeder jeden kennt und die Eltern nicht zum überwachen und helikoptern neigen braucht wirklich kein Handy.
Unser Grund dann ab der weiterführenden Schule war, dass inzwischen leider sehr viel über Gruppen läuft, wer nicht drin ist ist Außenseiter und bekommt nichts mit, zusätzlich ist unsere Kurstadt kein sicheres Pflaster und ein Handy gibt Eltern vermeintliche Sicherheit.

Sie bekam mein altes I-Phone, eigentlich total cool, ein I-Phone.
Fehler! Man hatte uns gewarnt. Denn mein altes Handy war ein I-Phone 4, ein wirklich unverwüstliches Teil, super in Schuß, aaaber, kein neues IOS mehr und das hieß, keine ach so beliebte Apps.
Keine YouTube App, kein musical.ly,  kein Snapchat (das ich immer noch nicht verstehe, aber ich bin 50, das muss ich auch nicht mehr) und keine Instastory - was cool für mich war, ich konnte sogar Louisas Geschenk zeigen und ihren Freundinnen, die mich verfolgen drohen "Wehe ihr verratet es ihr"
Das Jammern setzte eigentlich wenige Monate ein nachdem sie merkte, alle haben coolere Handys als ich.

Ich dachte übrigens ich könne meine Tochter etwas überwachen und beschützen.
Abends musste das Teil zu mir und ich wollte mir ihren Whats App Verlauf anschauen......

Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch die würden sich kurze Texte schreiben über die ich schnell drüber lesen kann.....Am Arsch die Räuber. Die schicken sich Sprachnachrichten! Zum Teil mehrere Minuten lang.
Ich hörte mir einige an und hatte das Gefühl ich bekomme gleich irgendwelche neurologischen Aussetzer. Ab einem gewissen Alter will man sich diesen Kinderkram nicht anhören müssen, schlimm genug wenn man es live mitbekommt, aber Abends, wenn man nur noch ausgelaugt auf der Couch sitzt und froh ist, dass die lieben Kleinen in ihrem Zimmer sind, dann will keiner, wirklich keiner sich diesen Sülz anhören.....

Das war der Punkt wo ich merkte, ich muss meinem Kind vertrauen und an andere Dinge langsam heranführen wo sie sich noch führen lässt.

Meine Eltern schenkten mir auch großes Vertrauen und ich durfte echt viel in meiner Teenagerzeit und ich habe dieses Vertrauen nie missbraucht.
Die denen die Eltern weniger Freiheiten ließen, die schlugen ständig über die Stränge.

Ich weiß, dass Louisa mir alles erzählt, wofür sie von ihrer Freundin auch gehasst wird, denn sie erzählt gar nichts und so kamen auch schon recht harmlose Dinge zu der Mutter der Freundin, weil wie uns unterhielten und mir gar nicht bewusst war, dass ich jetzt ein Geheimnis ausplaudere.

Deshalb darf, worüber viele den Kopf schütteln, meine Tochter auch YouTube machen, denn das macht sie nie alleine und langsam führe ich sie heran, zeige ihr was es für kranke Leute im Netz gibt und der beste Schutz dagegen sind keine Verbote, sondern das Wissen darüber und Erfahrung.

Mit ihrem neuen Handy, ja sie hat es endlich, kann sie auch musical.lys machen, sie zeigt sie mir immer vorher, ob es okay ist und macht sich wirklich viele Gedanken ob es jetzt möglich wäre unser Haus zu finden, oder ob man in ihrem Video auf dem Schreibtisch eine Adresse lesen könnte, oder ob man vielleicht irgendwo etwas von ihrem Körper sehen kann was man nicht sehen sollte.

Was mich selbst erschreckt, ich sah mit 12 noch aus wie ein kleines Mädchen, darunter habe ich auch recht lange gelitten, meine Tochter wirkt schon recht reif, okay sie ist auch im Verhalten schon recht weit, das wird man glaube ich mit dem Background behinderte Schwester, aber verdammt nochmal sie ist eben erst 12.

Also zurück zu Momo.

Über diese unmöglichen Kettenbriefe hatte ich schon oft mit ihr am Anfang gesprochen, dass sie davor keine Angst haben müsse, weder sie, noch einer aus der Familie würde sterben, nur weil sie keine Nachricht an 15 weitere Freunde schickt.
Bei ihr würde es übrigens immer die gleichen treffen, denn sie hat sehr wenige Kontakte auf ihrem Handy. Sie ist sich bewusst, dass sie eine gewisse "Prominenz" hat, sie wird ja auch angesprochen auf de Straße, mal im Urlaub im Freilichmuseum, Kids wollen Selfies mit ihr, oder Autogramme.
Deshalb ist sie auch immer sehr angenervt, wenn sie in Gruppen zugefügt wird in denen Leute sind die sie nicht kennt, denn dann haben Fremde ihre Nummer.

Vor kurzem passiert.
Ein Mädchen aus einer Tanzgruppe im Jahrgang unter Louisa wollte ihre Nummer, Louisa hat gezögert und gab sie dann raus nahm dem Mädchen aber das Versprechen ab, dass es diese Nummer niemand weiter geben dürfe.
Hat sie aber doch und danach gab es ständig Sprachnachrichten, Nachrichten und Anrufen von ihrem "Größten Fan" auch ein kleines Mädchen, aber trotzdem.
Geholfen hat, dass mein Mann oder ich bei den Anrufen ans Handy gingen und die Kleine eingeschüchtert auflegte und wie drohten mit ihren Eltern zu sprechen.

Seit dem ist Louisa natürlich noch vorsichtiger und hat gelernt, dass man niemandem vertrauen kann.

Das Problem liegt und jetzt kommen wir endlich wirklich zu Momo zurück, nicht nur in der Medienkompetenz meines Kindes, sondern auch an der der Freunde.
Wenn sie jetzt bei ihrer Freundin am PC Ballerspiele spielt, sie hat gefragt ob sie darf, ich habe nein gesagt, dann ist es jetzt außerhalb meiner Kontrolle. Ich muss darauf vertrauen, dass sie sagt, ach komm, wir machen lieber Turnübungen im Garten oder spielen mit dem Hund.

Momo ist nicht nur ein blöder Kettenbrief, Momo hat eine andere Qualität des Grusels und es springen ganz viele Trittbrettfahrer auf den Zug auf.
So wie mir Louisa gezeigt hat gibt es sogar schon einen "Momo-Snapchat-Filter" Was ein Scheiß!!!

Ich bin ja auch so, wenn ich aus Versehen was gruseliges im TV geschaut habe, dann husche ich mit wildem Blick durchs Haus, mache die Lichter an und verkrieche mich unter die Bettdecke, da hilft es auch nicht, dass ich 50 bin. Aber ich weiß ja, dass ich so ein Schisshase bin, klar weiß ich, es ist ein Film, es ist nicht echt und nur gespielt, aber das kommt wohl nicht in der letzten Ritze meines Gehirns an, deshalb schaue ich keine Gruselfilme, ganz einfach.

Bei Louisa würde ich auch nicht zulassen, dass sie Filme schaut mit Gewalt oder Horror, klar bei der FSK drücke ich zu Hause mal ein Auge zu, da darf man auch mit 10 mal was ab 12 schauen und bei jüngeren Geschwistern ist vieles gar nicht mehr machbar, oder soll ich Jolina rauswerfen, wenn ihre Schwester was schaut? Eben!

Jetzt hat sie aber gar keine Kontrolle über Momo, sie zeigt mir immer wieder wenn man ihr was schickt.
Also seit gestern.

Ich hatte das Momo Gespräch schon vergessen, da wurde ich durch Mimikama auf Momo aufmerksam und fand es erschreckend.
Ich fragte Louisa: "Sagt dir Momo was?"

"Och Mamaaaa." (Kennt ihr dieses langgezogene, genervte A) "Das hab ich dir doch vor kurzem erzählt"

"Ja, jetzt hab ich es aber gesehen, das ist ja ätzend."

"Stimmt"

"Das ist aber nicht echt, das ist...."

"Ich weiß, eine Statue in Japan. Hab ich gesehen"

Ich denke bei mir, dass Tochter schon ziemlich viel über Momo weiß, warum hatte ich nur etwas müde reagiert vor kurzem beim Essen? Ja, weil es ständig etwas Neues gibt und es mir manchmal auch zu viel wird, Mist.

"Ich konnte deshalb gestern kaum schlafen. Da waren Geräusche in meinem Zimmer und im Schrank und in der Wand und da war was an meinem Bein."

Mist Mist Mist!!!!!

"Wo und wie war das Geräusch im Schrank denn?"

"So ein unheimliches Rascheln"

"Du weißt schon, dass der Kamin durch dein Zimmer geht hinter dem Schrank und da könnten oben Vögel sitzen, das hört man und hinter der Wand ist das Bad der Nachbarn, du sagst doch immer das hört man manchmal"

"Stimmt das kam aus der Ecke vom Kamin und ja stimmt, da ist das Bad."

"Du hast ab sofort, totales Momoverbot"

Fand sie erst gut, doch ne halbe Stunde später

"Dann kann ich ja gar keine Rebekah Wing mehr schauen"

"Die ist doch eh Scheiße!"

"Und ich hab gar keine Angst, ich weiß ja, dass es Fake ist."

"Ach nee und Du hattest Nachts also keine Angst, obwohl Du weißt, dass es Fake ist?"

"Du hast ja Recht Mama, ich hab Dich lieb. Du willst ja nur mein Bestes."

Danach zeige sie mir was da ständig an Momo-Scheiß bei ihr ankam.
Also wirklich schützen kann ich mein Kind dann nur, wenn sie gar nicht mit Medien hantieren darf, doch wie soll sie es dann lernen?
Es ist nicht einfach und die Zeit lässt sich nicht zurück drehen, klar war es früher einfacher ohne diesen ganzen Medienüberfluss, doch ich habe auch nur weniger oder intelligenteres Fernsehen geschaut, weil es nichts anderes gab, welchen Grund sonst könnte es geben, dass wir alle in den 70er die Hitparade schauten, Schlager waren zwar echt schlimm, aber es war im besten Fall bunt und es bewegte sich, der Ton war dann auch zu ertragen, wenn man krank zu Hause lag und sich langweilte konnte man zur Not Telekoleg schauen, wer kennt das noch? Die Typen mit den schrecklichen Frisuren, die Schulfernsehen machten und vor den Ferien hat man das dann im Fernsehraum der Schule auf Videokasette geschaut.

Es werden noch viele Momos kommen und gehen, es wird immer Leute geben die das Internet für böse Dinge benutzen, doch deshalb können wir es nicht wieder abschalten, auch wenn manche ab und zu denken "Ich hab das Internet kaputt gemacht"

Absolutes Verbot finde ich persönlich falsch, denn dann lernt man den Umgang nicht damit, bereits in der Grundschule gab es Aufgaben auf "Blinde Kuh" bestimmte Dinge zu recherchieren, man sieht, es wird auch vorausgesetzt, dass die Kinder Zugang zu dem Medium haben.
Wie blöd das ist, wenn man es nicht hat kann ich auch sagen, in der Oberstufe drückte mir mein Erdkundelehrer ne VHS in die Hand ich solle in 14 Tagen ein Referat darüber halten, wir hatten damals aber keinen Videorekorder. Am Ende haben wir einen im Elektrogeschäft ausgeliehen für einen Tag. Das Referat war dann übrigens ne 4, kein Wunder, bei dem Stress drum rum.

Deshalb, gar nicht ist nicht gut und zu viel auch nicht.
Das gesunde Mittelmaß zu finden ist das was schwierig ist, ich habe auch nie behauptet Kindererziehung ist einfach.

Jetzt versetzen wir uns mal in unsere Pubertät zurück, übrigens ein Wort das ich nicht sagen darf, jedenfalls wenn Louisa im Raum ist, das ist nämlich peiiiinlich.

Also, als wir in der P. waren, da hätten wir manchen unserer angehimmelten Stars doch alles geglaubt und Mama und Papa hatten ja sowieso keine Ahnung. (Ihr glaubt ja nicht wie oft ich wirklich keine Ahnung davon habe was mir mein Kind gerade erzählt)
Ich denke manchmal sollten die Leute, die das selbe Medium benutzen wie die, die wir am liebsten mal mit dem Kopf auf die Tischkante knallen möchten, Rebekah würde das auch sicher nicht schaden, unseren Kindern die Welt erklären, dann ist das auch cooler. So lernt unsere Tochter übrigens inzwischen auch, per Video auf einer Plattform, das hat echt was gebracht. Und sie schaut englische Videos, kaum zu glauben, dass sie diese Fremdsprache erst seit 1 Jahr wirklich hat, das bringt ihr tatsächlich was.

Also, alles ist ein bisschen schwarz, ein bisschen weiß und man muss es versuchen nicht ganz falsch zu machen, denn richtig gibt es in dem Fall leider nicht.

Jetzt ein gutes Video zu Momo





Das ganze schicke ich jetzt mit gehöriger Überlänge zu der Blogparade der denkst #medienkompetenz

Und beantworte im Nachgang die gestellten Fragen für mich selbst, denn gerade ging es ja um meine Tochter

  • Was bedeutet Medienkompetenz für mich?
Ein "gesunder" Umgang mit allen Medien, auch eine Zeitung ist ein Medium, jaaa auch die Bildzeitung, örgs. Nicht alles glauben, trotzdem eigene Gedanken machen und immer hinterfragen. Das ist auch der Grund warum ich im Gegensatz zu anderen Elternblogs nie schreibe wie man etwas richtig macht. "Nur Familienbett ist super!" Was ein Scheiß, ich habe Schlafstörungen seit frühster Kindheit, vielleicht weil es bei uns kein Familienbett gab, höhöhö, für uns ist es einfach besser wenn jeder seine Ruhe hat zum schlafen, basta und meine Gene wissen, da kommt keine Säbelzahntiger mehr um mich zu fressen und eine ausgeruhte Mama am Tag hat auch seine Vorteile. Es ist also auch Medienkompetenz, so zu schreiben und zu erscheinen, dass man seine Ansichten anderen nicht überstülpt.


  • Wie #medienkompetent bin ich selbst?
Okay, hab ich oben schon gesagt. Manchmal wird mir das auch alles ein bisschen viel, wie gesagt, Mutti is ja schon 50, ich habe zB keinen fb-Messenger auf dem Handy, nutze ich nur am PC ale 1-2 Tage schaue ich rein, nicht öfter. Auch keine E-mails am Handy. So wichtig bin ich nicht, dass man mich 24/7 erreichen muss und das müssen die Leute ertragen, die jetzt dringend von mir wissen wollen warum in dem Video Werbung ist, das ich in meiner Gruppe geteilt habe. (Mein Gott, weil heute überall Werbung drin is was nix kostet)
Ich lasse mich nicht auffressen vom Netz, Leben 1.0 braucht auch Raum.


  • Welche Herausforderungen stellt die Digitalisierung an mich und meine Familie?
Ja, das ist schon etwas ätzend, denn ich muss immer up to date bleiben, ach was, sagen wir doch wie es ist. Meine Tochter erklärt mir inzwischen wie man mein Handy bedient und macht sich ständig lustig über mich, schon alleine wie ich das Teil halte.


  • Wie begleitest du deine Kinder in der digitalen Welt?
Ja, hab ich ja oben viel drüber erzählt. Gemeinsam ist das Zauberwort und zwar so lange Mama oder Papa an der Seite noch geduldet werden, nicht erschrecken, aber mit 16 ist es leider zu spät damit zu beginnen.


  • Was teile ich über mich in der digitalen Öffentlichkeit?
Viele denken alles, dabei ist es nur der Blick durchs Schlüsselloch, den ich bewusst so aussehen lasse als wäre es mehr. Das ist der saure Apfel in den ich beiße um über das Familienleben mit Down Syndrom aufzuklären, ich war auch froh, dass es 2009 Leute gab die genau das gemacht haben. Ich wollte doch nur sehen "Alles kann normal sein"


  • Bin ich up-to-date und weiß ich, was mein Kind im Internet macht?
Sie erzählt es mir, ich finde nicht alles gut, das sage ich ihr. Wenn Mütter etwas "nicht gut" finden ist das oft wirksamer als schimpfen, kenne ich noch aus meiner Jugend



Und jetzt zum Schluss noch etwas das gestern meine Instafollower zum Lachen brachte:

Und jetzt habe ich alte Kuh zum ersten mal nen Instapost eingebettet, wow, das geht auch?
Also Ich wollte von früher erzählen, dabei ist das heute der neuste YouTube LifeHack, so kanns gehen.
Darauf ein Matschbrötchen, oder wie ihr auch immer dazu sagt, mir war es gestern zu süß, aber ich hab dann mal die Kindheit kurz zurück geholt.

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