Mittwoch, 8. August 2018

Valeries Geschichte: Sein letzter Lebenstag

Valeries Geschichte geht weiter

Die ersten Teile findet ihr unter:


4.       Sein letzter Lebenstag


Sieben endlose Tage und Nächte lang haben wir um den am wenigsten falschen Weg gerungen. Trotz aller Trauer und Schuldgefühle war es schließlich eine eindeutige Entscheidung. Nein, wir können niemandem vorwerfen, uns zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt oder überredet zu haben. Die Last dieser Verantwortung müssen wir als Eltern ganz alleine tragen. Vor dem Gesetz sogar eigentlich nur ich als Mutter. Die Unterschrift, die mein Mann in der Klinik neben die meine setzte, war ein rein symbolischer Akt. Ich habe ihn darum gebeten. Die Einsamkeit der Entscheidung blieb dennoch unendlich groß.

Wüste, Trocken, Natur, Abend, Landschaft


Mein Mann musste am Morgen jenes Tages zur Arbeit, ein nicht verschiebbares Meeting, fünfzig Personen beteiligt, er der Leiter des Ganzen. Er würde daher erst kurz vor unserem Termin nachkommen. Es war also klar, dass ich zur Klinik ganz alleine würde fahren müssen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Seit Tagen rebellierte mein Körper gegen die irrsinnig hohe Anspannung durch Würgeanfälle. Ich hatte Angst, dass mein Magen sich ausgerechnet in Bus oder Bahn entleeren könnte. Das Paar aus der Wohnung unten, seit kurzem selber Eltern eines Babys, klopfte abends noch spät an unsere Tür. Der Nachbar sagte: „Du fährst uns da morgen bitte nicht alleine hin.“ Eine lange, stumme Umarmung, ich wurde gehalten. Die Frau brachte mich am nächsten Vormittag mit dem Auto zur Klinik. Am Eingang wartete schon mein Mann. Ich war nicht allein.

Der Arzt war ein Mann mit groben Gesichtszügen. Ich hoffte für ihn, dass diese der Spiegel eines nicht zu sensiblen Gemüts seien. Denn wie sonst kann ein Mensch diese fürchterliche Arbeit aushalten? Das Aufklärungsgespräch lief ruhig und sachlich. Wie würde der Abbruch ablaufen? Ich hatte mich gegen eine Geburtseinleitung entschieden. Unvorstellbar, bei einer solchen das langsame Sterben meines Babys bewusst miterleben zu müssen. Die Wahl hatte ich nur deshalb, weil der neue Trisomie-Test bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel durchführbar ist und wir das Ergebnis entsprechend früh bekommen hatten. Ich war jetzt bei dreizehn Wochen und sechs Tagen p.m., und zu diesem Zeitpunkt (ich lag damit sogar noch knapp innerhalb der Fristenlösung) kann man einen Fötus noch unter Vollnarkose absaugen. Bald darauf wäre mein Baby zu groß dafür gewesen, dann hätte ich es unter stunden- bis tagelangen Wehen tot zur Welt bringen müssen. Und wir hätten den Blick anschließend nicht abwenden können – wir hätten unser Kind gesehen. Ich glaube, dass uns der Abschied auf diese Weise noch sehr viel schwerer gefallen wäre. Nein, besser kein Bild im Kopf zurückbehalten. Lieber kurzen Prozess machen. Um aller Beteiligten willen.

Wir wollten vom Arzt wissen, auf welche Weise unser Kind nun also sterben würde. Und wie lange das ungefähr dauern könnte. Die Antwort: Durch das Absaugen wird der Körper des Fötus zerfetzt. Er stirbt innerhalb von zehn bis fünfzehn Sekunden. Manchmal ist allerdings der Kopf schon so groß, dass man ihn erst wie eine Nuss knacken muss, bevor man auch ihn durch den Muttermund absaugen kann.

Alles in mir krampfte sich zusammen.

Ei, Schuss, Explosion


Würde das Sterben unserem Baby Schmerzen bereiten? Diese Frage belastete uns sehr, ich habe sie daher immer wieder recherchiert. Die Neurowissenschaften zeigen sich einig: In den ersten Monaten der Schwangerschaft sind die Bewegungen und Reaktionen eines Fötus – auch wenn sie schon recht gezielt wirken mögen – nichts anderes als unwillkürliche Reflexe. Eine Schmerzempfindung wird anatomisch frühestens irgendwann ab der 24. Schwangerschaftswoche möglich. Denn erst zu diesem Zeitpunkt bildet sich im Laufe der Wochen und Monate die Großhirnrinde, wo der Mensch sein Bewusstsein entwickelt. Vorher ist ein Fötus rein physiologisch nicht dazu imstande, irgendetwas zu fühlen oder auch nur einen einzigen Gedanken zu denken.

Bis heute klammern wir uns an diesen Trost.

Sind Sie sicher, dass Sie die Schwangerschaft abbrechen möchten? Im OP wurde ich noch ein letztes Mal gefragt. Der Arzt machte noch einen Ultraschall. Inständig hoffte ich, dass das Herz meines Babys inzwischen von selber aufgehört hatte zu schlagen. Das wäre eine Gnade gewesen. Auch noch nach dem ersten Schwangerschaftsdrittel stirbt bis zum Geburtstermin ungefähr jeder dritte Fötus mit Down-Syndrom von selber. Meist diejenigen mit größeren Organ-Fehlbildungen. Aber mein Kind lebte. Alles normal, sagte der Arzt. Kein Entrinnen vor der erdrückenden Schwere der Entscheidung.

Am Abend zuvor hatte ich eine Rundmail an die Menschen aus unserem näherem Umfeld geschickt: Bitte zündet morgen Mittag eine Kerze für unser armes Kindchen an, das da völlig unschuldig sein Leben lassen muss.

Ein trüber Tag Mitte Dezember. Eine Viertelstunde bewusstlos im OP. Danach ein weißes Bett, in einem Zimmer für uns allein. Allein mit einem leeren Bauch. Die Krankenschwestern schwebten in leiser Hilfsbereitschaft um uns herum. Ich nahm die Welt aus der Ferne wie durch einen Schleier wahr.

Erst als alles vorbei war, haben wir das Geschlecht unseres Kindes erfahren: Ein Junge. Der kleine Bruder unseres Sohnes. Wir gaben ihm den Namen LINUS. Das bedeutet im Griechischen: Der Bedauernswerte, der Betrauerte.

Er wurde in ein Sammelgrab für tot geborene Kinder gelegt. Ein steinerner Engel wacht seither über ihm.

Ein paar Tage später war Weihnachten. Zumindest für die anderen. Nicht für uns.


Kerze, Teelicht, Ausgepustet






Nächsten Mittwoch im fünften Teil: Dreieinhalb Jahre später. Wie mag es Valerie und ihrer Familie heutegehen?



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