Mittwoch, 5. Februar 2020

Hirnpups: Wer nichts macht macht nix verkehrt (oder ein Blog lebt von Emotionen)


Es ist tatsächlich schon ewig her, dass ich den letzten Hirnpups hier raus gelassen habe.
Das liegt nicht daran, dass ich keine hätte, sondern daran, dass ich auch nur ein Mensch bin mit Gefühlen und keine Redaktion mit Chefs und Angestellten, ich bin eine Onemanshow und wer den Blog angreift, der greift mich an.

Nach unerträglichen Kommentaren einer einzelnen Person in 2 Minuten Takt sind Kommentare extrem eingeschränkt und nicht mehr so leicht möglich, was ich sehr schade finde, viele Gedanken fand ich durchaus wichtig und richtig sie auszusprechen als Ergänzung oder auch Kontrapunkt.

Ein Blog ist keine Zeitung, die redaktionelle Texte veröffentlicht, Blog kommt von Logbuch und Web.
Aus Web-Log wurde dann Blog, also ein öffentliches Tagebuch und ein Tagebuch lebt von persönlichen Empfindungen und Eindrücken und sollte nicht den Anspruch haben nur objektiv zu sein.
Als ich anfing zu bloggen, da war das den meisten auch klar, die Blogs überhaupt kannten und gelesen haben.

Irgendwann haben Blogger angefangen aus ihren Blogs eher Online-Ratgeber zu machen, nannten es immer noch Blog, was verloren ging, war das persönliche, das vermischt sich immer mehr und macht es für Leser richtig schwer sich zurecht zu finden im Onlinedschungel.

Mein Blog ist immer noch das was es ursprünglich war, ein Tagebuch in dem jeder lesen kann und an meinem Leben und meinen Gedanken teilhaben darf, soweit ich das zulasse, leider wie bei ganz vielen andere auch, wird das immer weniger.

Warum ich das mache?
Ich muss mich immer wieder erklären, es ist weil mir damals nach Jolinas Geburt genau diese ehrlichen Blogs von Familien mit Kindern mit einer Behinderung wahnsinnig geholfen haben, denn sie waren echt und zeigten die Normalität die ich händeringend suchte und glaubte verloren zu haben.

In einem schön gebürsteten Blog ohne Emotionen hätte ich das nie finden können, da hätte ich mir auch ne Zeitschrift von Schöner Wohnen nehmen können, oder einen Film aus den 50ern anschauen können, wo alle immer froh sind und alles gut endet.

Das was ich bekam wollte ich zurück geben und so fing ich an zu bloggen. Deshalb findet man in diesem Blog auch alles was unsere Familie ausmacht und bewegt und nicht nur Beiträge über Down-Syndrom.

Genau das wollte ich sehen: "Oh, die fahren ja "trotzdem" in Urlaub und haben Spaß dabei", "Ach, die findet Zeit zum lesen?", "Hoppla, die Schwester kommt ja auch nicht zu kurz", "Das ist ja spannend, dass man Kleider beim selbst nähen anpassen kann."

Wenn ich einen Urlaubsbericht schreibe, dann werde ich nicht langweilig aufzählen: "Man kann reiten, schwimmen, wandern, zusätzlich sind es 100 Meter zum Restaurant" Das wäre ein Reiseführer.

Bei mir steht dann: "Jolina hatte solchen Spaß beim reiten und das Pferd war so lieb.", "Ich wollte wandern, doch meine Familie hatte keinen Bock.", "Der Weg zum Restaurant war Jolina zu weit und wir sind gefahren"

Wer in einem Blog erwartet, dass nur Fakten aufgezählt werden ohne Meinung, der weiß eben nicht was ein Blog ist.

Genau damit kämpfe ich aber immer wieder.

Machen wir mal ein blödes Beispiel.

Ich mag keine Bananen, ich finde sie sogar zum würgen, das geht soweit, dass ich sogar die Farbe gelb nicht mag. Das erzähle ich auch.
Das ist so, so bin ich, Punkt.
Das ist keine allgemein gültige Beurteilung von Bananen, oder der Farbe gelb, das bin einfach ich, nicht mehr und nicht weniger.
Es ist kein Aufruf keine Bananen mehr zu essen, oder das Verbot zu fordern, sie heimlich im Kuchen zu verbacken.
Kann dann nur passieren, dass ich in ein vermeintlich leckeres Stück Schokokuchen beiße und würgen muss (vor kurzem passiert)

Jetzt könnte mich Chiquita böse anschreiben und mir den Kopf waschen und mich für den Einbruch des Verkaufs verantwortlich machen. Machen die aber nicht, denn die paar Leute, lass es mal 1000 sein, die das lesen werden nicht für Umsatzeinbrüche sorgen.

Viele die meinen Blog lesen, weil sie eben Blogs lesen wissen genau was ich da tue und finden vielleicht manches gut und manches doof, lassen mich aber mein Leben leben.
Die, die über Google zu mir finden und das sind auch nicht wenige, die wollen entweder genau sowas lesen was ich schreibe, oder eben nicht und klicken wieder weg. Gut is'.

Die, die mir mein Bloggerleben echt schwer machen sind Leute die meinen Blog lesen, weil sie mich kennen und wissen wollen was "die da" ins Internet schreibt, ohne zu wissen was ich da wirklich tue.
Sie sind ständig in Angst ich könne etwas über sie schreiben und Leute die "ins Internet schreiben und ihre Kinder zeigen" sind sowieso schlecht, verantwortungslos, dumm und schreiben immer nur böse Unwahrheiten die anderen schaden sollen.

Diese Leute lesen sonst gar keine Blogs, sie können nicht vergleichen und auch nicht wirklich beurteilen ob das was ich tue gut oder schlecht ist, das wollen sie aber auch gar nicht beurteilen, denn die Meinung "Ganz, ganz übel!" ist ja schon mal gefasst.
So etwas tut man hier einfach nicht!
Sonst macht das ja auch keiner.

Doch, es gibt ganz viele die das tun.
Nur habe ich das Gefühl die wohnen alle in Köln oder Berlin und die, die dort nicht wohnen kämpfen mit ähnlichen Problemen wie ich, dem absoluten Unverständnis vieler im direkten Umfeld.
Bei einer Bloggerkollegin führte es sogar dazu, dass die Kinder die Schule wechselten.
Ständig wird vermutet wir Blogger würden alles ins Netz stellen, was beim Elternabend besprochen wird, oder in lustiger Runde über den Neffen, der Nachbarin, einer Bekannten. Manchmal kommt dann noch die freundliche Erinnerung: "Das schreibst du aber bitte nicht ins Internet"
Diese Geschichten kann fast jeder Blogger erzählen, warum sollten wir das tun? Ein Blog ist nicht Tratsch im Treppenhaus.

Die Folge aus unschönen Erfahrungen ist, dass ich ein Thema hier total ausklammere, was für andere Eltern total spannend wäre zu lesen, wie Inklusion so funktioniert, oder was schief läuft, welche Meinung wir zu vielem haben, zu der aktuellen Lage an der Schulfront, was wir darüber denken, wenn plötzlich Förderlehrer abgezogen werden und mein Kind direkt betroffen ist.

Kein Bericht, dass Jolina auf Klassenfahrt war, wie das funktioniert und was sie erzählt hat.
Nichts aus der Schule, auch wenn es vielleicht sehr hilfreich wäre im Kampf um Inklusion.

Ich erzähle von unserem Leben als würden wir hier auf einer einsamen Insel leben ohne andere Menschen um uns herum mit denen wir so viel unternehmen, doch ich nehme Rücksicht auf deren Privatleben, das finde ich gehört auch dazu, ein bisschen Respekt.

Louisa wurde in ihrer Grundschulzeit auf Blogartikel von mir angesprochen.
Ja, man haut ja auch das Kind vom Richter an, was er da mal wieder für ein blödes Urteil gefällt hat, ach nein, macht man ja gar nicht.
Mit Bloggern und ihren Kindern darf man wohl alles machen, weil man es einfach nicht kennt und weil man es kann und nicht nachdenkt.

Wenn ich über eine Veranstaltung berichte, auf die ich gehe und meine Tochter mit ihrer Gruppe dort tanzt, dann hat das nichts mit der Tanzgruppe meiner Tochter zu tun, zudem war der Bericht nicht böse, okay, ich hatte Hugo vermisst um mir den Kinderfasching schön zu saufen. Wie kann ich das nur schreiben, kein Hugo, das darf man doch nicht bekannt machen. Ich meinte ja auch nicht diese Veranstaltung, sondern, so ziemlich jeden Kinderfasching. Da geht man doch nur hin, weil die Kinder Spaß haben, das ist für mich reine Folter.
Ich hatte leider vergessen, dass Fastnacht ne sehr ernste Angelegenheit ist und man darüber keine Scherze machen darf.

Ja und Jolina hat vermisst selbst tanzen zu dürfen, das war sicher auch falsch zu schreiben, denn Achtung! Mir wurde heute gesagt wegen meines Blogbeitrags dürfe die Tanzgruppe meiner Tochter dort dieses Jahr und auch die nächsten Jahre nicht tanzen.
Ich bin weder Sprachrohr unseres Vereins, oder der Tanzgruppe, ich habe als ZAHLENDER GAST, von uns berichtet, von mir mit Fastnachtsallergie, Hugoliebe und meiner Tochter die lieber zwischen den Tanzaufführungen tanzen würde.

Es geht um UNS UNS UNS UNS!!!!

Das ist wie mit den Bananen, und wer Bananenkuchen backt sollte damit leben können, dass der nicht jedem schmeckt. Also ich muss auch damit leben, dass es mind. einem Mittags am Tisch nicht schmeckt, nervt mich zwar, aber ich gebe nicht auf und versuche seit vielen Jahren das Gericht zu finden das allen schmeckt, gesund ist und keine 5 Stunden Zubereitungszeit braucht.

Ich bin doch nicht verpflichtet alles zu loben und den Rest unter den Tisch fallen zu lassen.
Wäre das ehrlich?
Ich könnte nicht damit leben, dass ich zB ein Hotel nur lobe und den Rest verschweige und dann fährt jemand hin und verflucht mir die Knochen, weil ich nicht geschrieben habe, dass dort alles schmutzig ist und vergammelt.

Ein Blog ist auch kein Arbeitszeugnis in dem nichts negatives stehen darf.
Die Banane war stets bemüht ihren Anforderungen gerecht zu werden.

Klar, ich könnte auch nicht bloggen, machen ja andere auch.

Nur erreiche ich Menschen denen das gut tut, so wie es mir gut getan hat und die schreiben mir das auch und das zeigt mir, es ist richtig was ich tue.
Ich könnte viel, viel Zeit sparen, würde ich nicht bloggen, nur wäre es dann um einiges schwerer mein Herzensthema so weit zu verbreiten. Klar, ich könnte von Haus zu Haus gehen und sagen "Ich möchte über Down-Syndrom mit ihnen sprechen", ich klingle aber lieber hier mit dem Blog bei vielen Türen und wer mir aufmacht und mir zuhört ist herzlich willkommen und wer es nicht hören möchte, der lässt die Tür, oder meinen Blog einfach zu.
So läuft das in der modernen Welt.

Zusätzlich möchte ich den Menschen die in meinem Umfeld leben und auch böse Kommentare geschrieben haben den Triumph nicht gönnen.

Es ist den Leuten egal ob ich die Gesichter meiner Kinder zeige, es ist ihnen egal was ich schreibe, wofür ich stehe, sie wollen einfach nicht, dass ich über sie schreibe und ganz oft denken sie, ich schreibe über sie, doch das tue ich gar nicht, sorry, das hier ist ein Blog, es geht um UNS.
Mein Tagebuch, unser Leben, meine Gefühle, mein Herzblut und vor allem meine Art Humor, meine Ironie und Sarkasmus und die Fähigkeit auch über mich lachen zu können.

Das versteht natürlich nicht jeder, ein Blog ist leider ein bisschen komplizierter als ein Facebookkommentar, schon alleine diese vielen Wörter, ganz ohne Emojis überfordern viele, dann wird nur die Hälfte gelesen und schon ist der Sinn verdreht.



Kommentare:

  1. Ein Beitrag, welcher sehr nachdenklich stimmt.

    Meine Familie, Freunde und ich verzichten ganz bewusst darauf, unseren Nachwuchs im TV, in Zeitungen oder im Internet zu zeigen. Die älteren Kinder bedauern dies zwar sehr, da sie auf YouTube gern eigene Videos veröffentlichen und dabei gern ihr Gesicht zeigen würden, aber in einer Welt, wo selbst Harmloses für Negatives verwendet wird, muss man seine Familie besonders schützen.

    Gleichwohl sind deine Beweggründe absolut nachvollziehbar.

    Ja, die Angst vor der Angst, was man wie und wo in welcher Form veröffentlicht, da dies Folgen haben könnte, die negativer Natur sein könnten - ein ewiger Teufelskreis.

    Ihr habt dies gerade schmerzlich erfahren müssen, nachdem wegen eines harmlosen, aber informativen Beitrags deinerseits die Tanzgruppe eines deiner Kinder nicht auftreten darf... .
    Was ist das bloß für eine verkehrte Welt... .

    Gut ist, dass du in diesem Beitrag mal erwähnt hast, warum du zum Thema schulischer Inklusion und die Zeit nach der Grundschule niemals etwas schreibst.
    Viele deiner Leser haben sich darüber nachhaltig gewundert, denn Schule ist ja ein sehr, sehr wichtiger Aspekt.

    Doch es ist bezeichnend für das verkorkste System in der BRD, dass man nicht unbefangen Beiträge über solche Themen auf seinem Blog veröffentlichen kann, nur, weil man Angst vor Repressalien haben muss.



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    1. Ich weiß nicht ob das was mit System zu tun hat. Ich meine es hat eher mit den Menschen zu tun und die sind wie sie sind, egal wo sie leben. Das ist wohl Globalisierung der besonderen Art

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