Montag, 3. April 2017

Ist Pünktlichkeit wirklich überflüssig?

Meine Blogposts kommen ganz oft einfach aus dem Bauch und sind nicht über Wochen geplant. Dazu bin ich viel zu chaotisch kreativ.
Natürlich ist es aber absolut wichtig für mich wenn ich Kooperationen eingehe oder wenn ich bei einem Probenähen dabei bin total pünktlich zu sein. Abgabefristen sind zum einhalten da (wobei Kinder und das Leben da ganz oft noch Stolpersteine in den Weg werfen)

Jetzt hat aber heute jemand gesagt: "Das Gehirn von Kreativen tickt anders. Und das ist gut so. Die können nicht denken, wenn die Termine im Blick behalten müssen. Die verpassen Abendessen und Teezeit, wenn sie denken."

Bin ich jetzt pünktlich, oder bin ich kreativ? Und ist Pünktlichkeit vielleicht wirklich überflüssig?






Heute hat eine facebook-Bekannte, die immer spannende Dinge postet diesen Link geeilt: "SZ: Pünktlichkeit ist eine überflüssige Erfindung"
Es gab schon einige Kommentare und ich hatte direkt nach der Überschrift schon eine Meinung, wollte aber natürlich wissen was in dem Artikel wirklich drin steht.

Überraschung! Genau das was die Überschrift schon sagt, uuups.

Jetzt muss ich Euch mal einen Einblick in das Innerste von mir geben.
Ich bin fast zwanghaft pünktlich, nun ja, ich war es, dann hatte ich plötzlich Kinder.

Ich habe gelernt, dass man triumphierend ins Auto steigt, weil man endlich mal sogar 5 Minuten früher zur Verabredung kommen wird und dann kommt dieser Duft aus der Windel und der Duft sorgt dafür, dass man das Kind komplett umziehen muss und zusätzlich duschen.

Wir sind inzwischen oft 20 Minuten zu früh, nur um nicht zu spät zu kommen, so wie am Freitag bei der Wanderung mit Louisas Klasse.

"Wir" funktioniert hier wirklich perfekt, ich bin mit meinem Mann oft unterschiedlicher Meinung, in 31 Jahren Beziehung (nein, das ist kein Tippfehler) haben wir uns auch in vielen Dingen in verschiedene Richtungen entwickelt, doch Pünktlichkeit ist etwas das wir beide für unheimlich wichtig halten. Wäre es meinem Mann egal, ob er jetzt um 22:00h statt um 20:00h zu Hause aufschlägt, dann wäre er NIEMALS mein Mann geworden, oder wäre es nicht mehr.

Pünktlichkeit halte ich für etwas. das man einfach in unserem Kulturkreis für wichtig und richtig erachtet.

Soviel zu meinem, vielleicht leicht überzogenen Pünktlichkeitsfimmel und dann kam dieser Post mit dem Artikel.

Jetzt bildet man sich ja ein, das eigene Weltbild sei vollkommen normal und alle anderen ticken ähnlich..... sagen wir mal so, das Gros tickt pünktlich, doch mind. 3 finden Pünktlichkeit für unnötig.

Jetzt habe ich Schnulli mich hinreißen lassen da zu diskutieren, dabei wollte ich das doch nicht mehr. Ich hatte plötzlich das Gefühl ich bin in einer Impfdiskussion, nur dass es um Pünktlichkeit geht.

Meine Argumente wurden ins Gegenteil verkehrt und eben solche Regeln in die Welt gesetzt, wo Kreative nicht pünktlich sind.

Natürlich ist es toll ohne Uhr und Terminstress zu leben, doch wer das nicht möchte, der soll doch einfach keine Termine machen. Für mich ist ein Termin ein kleiner mündlicher Vertrag (der Banker in mir lässt grüßen) und wer unpünktlich ist, der wird Vertragsbrüchig, natürlich überspitzt ausgedrückt.

Mein erster Erklärungsversuch: "Menschen die nicht pünktlich sind sind maßlos egoistisch. Natürlich kann immer etwas dazwischen kommen, aber anderen seinen Rhythmus aufzudrängen um selbst die Freiheit zu haben nach seinen Zeitvorstellungen zu leben ist für alle anderen höchst unangenehm.
Ich kenne Menschen die immer unpünktlich sind, nicht weil immer etwas dazwischen kommt, sondern weil es ihnen nicht wichtig ist. Demnach bin auch ich nicht wichtig, die zur verabredeten Zeit da rum stehe und warte. Es ist Verschwendung meiner Lebenszeit durch andere. Das ist rücksichtslos.
Schön wer sich leisten kann ohne Zeitvorgaben zu leben und so "in sich zu ruhen" und "sich selbst zu lieben" 
Ich liebe die Zeit als etwas an dem ich mich orientieren kann, das mich strukturiert und mir Halt gibt.
Und ganz ehrlich, ob ich jetzt selbst auf die Uhr sehe ob es Zeit ist mit der Vorlesung zu beginnen, oder das an die Sekretärin zu delegieren ist ja wohl kein Argument"

Doch die Antwort war:"...aber bist du dann nicht genauso egoistisch, wenn du anderen DEINEN Uhrgesteuerten Rhythmus aufdrängst?
Vielleicht ist dein Bedürfnis nach Pünktlichkeit für andere ja “höchst unangenehm“?...."


Natürlich war ich nicht alleine, aber ich konnte nicht verstehen, dass man mich nicht versteht.
Es gibt für mich einen klaren Unterschied zwischen Terminen und Pünktlichkeit.
Wenn man Termine vereinbart muss man pünktlich sein, schon als Wertschätzung des Gegenübers.
Weiß ich, dass ich nicht pünktlich sein kann oder will, dann mache ich keine Termine. Ich finde das logisch und auch nicht zu diskutieren.

Ich finde genau Zeitabsprachen in meinem eng getakteten Leben einfach hilfreich, da muss mir keiner etwas von Burn out erzählen und man muss entspannter werden.
Es gibt gewisse Dinge die MUSS ich erledigen und ich kann keine Zeit verdaddeln, nur weil jemand diese Termine nicht einhält, es ändert ja nichts an der Tatsache, dass sie erledigt werden müssen, nur dass es noch länger dauert, weil andere meine Lebenszeit durch Unpünktlichkeit verschwenden.

Wenn Jolina um 12:15h nach Hause kommt kann ich nicht entspannt beim Arzt im Wartezimmer sitzen und auf den Termin warten der um 10:00h angesetzt war und jetzt ist es schon kurz vor 12:00h

Wenn Kunden mit mir früher um 14:00h einen Termin hatten und erst um 15:00h auftauchten, dann aber der 15:00 Uhr-Kunde schon pünktlich da steht, dann hat der Zuspätkommer eben Pech gehabt und ich werde auch nicht länger für ihn  da bleiben, weil ich pünktlich nach Hause muss um dort einen Termin wahr zu nehmen, den ich schon bezahlt habe und sonst mein Geld verliere.

Wenn der junge Mann sich um 20:00 mit dem Mädchen seines Herzens verabredet hat und er eine Stunde da steht und nicht weiß, ob sie überhaupt noch kommt und ob er ihr überhaupt wichtig ist. Wie nervenaufreibend und unendlich vertrauenserschütternd ist das denn?

Ich störe mich einfach an dem Herumreiten auf dem Wort Pünktlichkeit.
Ich weiß, dass in anderen Ländern eine Verabredung zu einer bestimmten Uhrzeit eher vage gehandhabt wird, dafür war ich schon zu viel in der Welt unterwegs.
Lustig ist auch, dass gerade Menschen im Ausland diese so typisch deutsche Pünktlichkeit bewundern und schätzen. Wie viel einfacher macht es doch das Leben, wenn man nicht den halben Vormittag an der Bushaltestelle verbringt und wartet ob der Busfahrer heute Lust hat, oder nicht. (Ach und wie langweilig wäre es, wenn wir keine Witze über die Bahn machen könnte und deren Auffassung von Pünktlichkeit)

Pünktlichkeit macht das Leben angenehm und planbarer, den Stress machen wir uns selbst, wenn wir versuchen zu viele Termine in einen Tag zu stopfen.

Struktur hilft das Leben zu meistern, deshalb gibt es ja gerade für Kinder mit Behinderung bebilderte Ablaufpläne um genau diese Strukturen zu schaffen an denen man sich entlang hangeln kann.
Struktur gibt Sicherheit, etwas worauf ich mich verlassen kann.

Jemand der nie pünktlich ist, ist für mich nicht kreativ, er ist nicht selbstbestimmt, er ist für mich einfach unzuverlässig und niemand mit dem ich irgendwelche Verabredungen treffen würde.
Ihr werdet jetzt kaum glauben, dass ich trotzdem nie eine Uhr trage, ist aber so.

Ich glaube ich schicke diesen Artikel mal meiner Bank, wenn die wieder mal total unkreativ darauf besteht, dass wir die Darlehensraten für unser Haus "pünktlich" bezahlen, oder dem Arbeitgeber meines Mannes, oder dem Finanzamt, zusätzlich bin ich tiefenentspannt wenn das ALDI um die Ecke statt um 8:00 erst um 10:00 öffnet. Stimmt, Pünktlichkeit ist wirklich total überflüssig ;-)

Was denkt ihr dazu? Findet ihr Pünktlichkeit auch überflüssig? Oder seid ihr sogar so leicht bekloppt wie ich, bei der immer alles pünktlich sein muss?