Montag, 6. Oktober 2014

... und plötzlich war das Kind weg oder Weglauftendenz als Nr. 6 bei 31for21



Donnerstags ist Jolina immer bei PEp in Mainz.

Dieses Mal hatte ich einen Termin zum hospitieren,

was immer besonders spannend ist

und davon wollte ich Euch berichten.


Das ich das nicht tue hat einen sehr schwerwiegenden Grund.


Manche nennen es Weglauftendenz

andere verbessern das zur Hinlauftendenz,

denn das Kind hat ja ein Ziel und das Weglaufen steht nicht im Vordergrund.



Egal wie man es nennt,

am Donnerstag hatte ich eine große Portion davon

und davon möchte ich Euch berichten.




Jolina ist sehr selbstbewusst und selbstbestimmt.

Sie weiß genau was sie möchte

und sie traut sich selbst auch ne Menge zu.




Weder sie noch ihre große Schwester sind Kinder

die an Mamas Rockzipfel hängen 

oder Unterstützung für jeden Gang fordern.



Wir wissen das Jolina dazu neigt ihre eigenen Wege zu gehen.

Die Folge ist ein Klammergriff in der Stadt

Einkaufen nur im Einkaufswagensitz

(auch wenn der eigentlich zu klein ist)

und ständiges Hinterherrennen um die Entfernungen

gering zu halten und um sie einholen zu können,

denn sie würde nicht stehen bleiben.



Am Donnerstag kam ich also aus dem Unterricht mit Jolina

und wechselte einige abschließende Worte mit den Therapeuten.

Jolina dauerte das alles zu lange und quengelte "Hause! Hause!"

Ich bat sie mehrfach Geduld zu haben,

aber ich kenne ja mein Kind.


Dann zog ich ihr die Schuhe an und war schon am gehen,

als ich von einer Mama noch kurz angesprochen wurde.

Ich war unruhig,

mein Mutterinstinkt schrie:

"Sei unhöflich! Lass sie kurz stehen und schau nach Jolina!"

Doch ich wollte nicht unhöflich sein,

dieses Mal nicht.

Wer schon mit mir gesprochen hat wenn Jolina dabei ist

hat das schon erlebt.

Ständig unterbreche ich das Gespräch und renne hinter ihr her,

oder muss den Fokus kurz auf sie richten.



Die Tür vom PEp kann von Kindern nicht geöffnet werden,

es waren andere beim gehen,

ich beruhigte mich,

das falls Jolina raus wollte einer sie aufhalten würde.


2 Minuten später (oder sogar kürzer)

war sie nicht mehr da

und keiner hatte sie vorbei rennen sehen.


Ich kenne das,

ich habe es schon aus dem Augenwinkel beobachtet,

Jolina ist so clever den Moment aus zu nutzen an dem keiner hinschaut.


Schon einmal hatten wir dies

und hier könnt ihr es nachlesen: klick

Daher mache ich keinem Vorwürfe,

wie und wieso auch?

Jolina ist extrem schnell

und wer das nicht gewöhnt ist,

rechnet auch nicht mit so einer Aktion.



JOLINA WAR WEG.



Mitten in Mainz.

Das Landkind in der Stadt.

Das Kind das ich dort an der Straße nie von der Hand lasse,

das Kind das trotz 100ten Wiederholungen

an der Ampel nicht weiß was man da macht,

da wir im Dorf eben nur eine davon haben.

Das Kind das seinen Namen selbst in normalen Situationen nicht sagt.



Mein erster Gedanke war gar nicht so falsch.

Jolina wollte "Hause"

Also wollte sie schon mal zum Auto gehen.

Also rannte ich mit Tasche, dem Übungsheft 

und Jolinas Puppe in der Hand zum Auto

2 Blogs weiter.


Ich hoffte das Menschen die dort im Café saßen

oder Mütter die mir mit Kinder entgegenkamen

meinen panischen Blick sahen und mir sagen würden:

"Suchen sie ein kleines Mädchen,

das ist da hinten"


Doch keiner sprach mich an.


Mit allen verfügbaren Leuten suchten wir Jolina,

in alle Richtungen, in Hofeinfahrten, in einer Tiefgarage,

in der Bäckerei in der sie immer eine Brezel will.....


NICHTS!


Ich war trotz Panik relativ ruhig,

die Mitarbeiter vom PEp hatten die Polizei informiert

und wir suchten weiter.

Nur wenige Schritte entfernt von der B40

die mitten durch Mainz führt.



Die Gedanken die einem durch den Kopf gehen sind so vielschichtig.

Von das ist ein Traum aus dem man gleich aufwacht,

über Hoffnung gleich stehe sie da,

bis zu dem Gedanken das Kind nie wieder zu sehen und

was man dann machen würde.



Plötzlich kam der Ruf "gefunden".

Es war keine halbe Stunde vergangen.

Ihr werdet sagen, das ist doch nix.

Ja, es hätte schlimmer sein können,

aber ich bin dem Vater unendlich dankbar der Jolina gefunden hat

so wie allen die geholfen haben bei der Suche.



Ich fühlte mich so schuldig,

es war mir so peinlich das alle suchen mussten.

Die Mutter die zu blöd ist auf ihr Kind auf zu passen.



Jolina war einen Weg gelaufen den wir NIE gehen,

da ich dort durch die Einbahnregelung gar nicht ohne Umweg rein komme.

Doch für sie sieht dort ja alles gleich aus.

Autos, Häuser, Straßen, Autos

und wir laufen jede Woche anders,

denn ich muss schauen wo ich parken kann.



Sie muss eine stark befahrene Straße überquert haben,

wie auch immer.

Ich will es mir gar nicht vorstellen.




Alleine hätte ich sie so schnell nicht gefunden,

während ich in die falsche Richtung lief entfernte sie sich immer mehr.

Nur mit genügend Leuten war das schnelle Finden möglich.



Ich weiß gar nicht wie ich das wieder gut machen kann.



Was mich aber auch erschreckt ist:

Da läuft ein kleines Mädchen alleine durch die Stadt,

offensichtlich behindert und kein Erwachsener dabei.

Wie gesagt, es war 12:00 Uhr und die Straßen voll mit Müttern

die ihre Kinder abholten.

Keiner hielt das Kind auf,

keiner fühlte sich verantwortlich.

Ich glaube nicht das dies Berührungsangst wegen der Behinderung war,

es war Gleichgültigkeit,

diese Kälte die Menschen anderen gegenüber empfinden,

jeder kümmert sich nur um sich

und selbst Kinder sind nicht mehr wert beachtet zu werden.

Arme Menschheit.

Da tut es gut zu wissen,

das es Menschen gibt die anders sind,

die einem helfen.




Wir haben jetzt übrigens sofort einen GPS-Tracker bestellt

und ich werde Euch berichten.



Warum ich eine so persönliche Geschichte berichte?

Gar nicht rosa und glitzernd,

sondern genau das Gegenteil.


Weil auch das eine Spielart von Down Syndrom ist;

es würde besser hat man mir gesagt.

Das gibt Hoffnung.



Und nicht nur Kinder mit Down Syndrom sind kleine Flüchtlinge,

aber hier häuft es sich,

denn es zählt ja immer nur ein Gedanke

und der ist gerade das verfolgte Ziel.


Und liebe Menschen, die ihr nicht täglich mit Down Syndrom zu tun habt.

Falls da ein kleines Kind alleine rum läuft

und nach Down Syndrom aussieht,

bitte haltet ein Auge darauf,

denn es könnte gerade so ein kleiner Flüchtling sein

und es macht sich jemand große Sorgen.



Und trotzdem ist diese kleine Hölle durch die man geht

kein Grund sich gegen ein Kind mit Trisomie 21 zu entscheiden.

Zu sagen: "Nein, sowas will ich nicht!"

Das was an manchen Ecken total Nerven aufreibend ist,

ist an anderen wieder total easy.


Wenn man einer Mutter nach einer Fruchtwasseruntersuchung

die Welt mit einem Kind in schwarz malt,

könnte man auch sagen:

"In der Regel schlafen Kinder mit Down Syndrom früh durch und

es gibt wundervoll entspante Nächte,

die andere Eltern sich um die Ohren hauen."



Das ist natürlich nicht bei allen so,

aber es rennen ja auch nicht alle weg.