Montag, 8. August 2016

Ein paar Gedanken zu der Bezeichnung "Downie"

Wer glaubt wir Eltern von Kindern mit Down Syndrom, oder noch besser Trisomie 21 seien uns immer einig, der irrt sich ganz gewaltig.

Wow, da fliegen manchmal die Fetzen in den Netzwerken, puh und da wird teilweise sogar unter die Gürtellinie geboxt.

Ein Streitthema ist die Bezeichnung "Downie"

Wer mich kennt weiß, dass ich finde es kommt nicht auf das Wort selbst an, sondern die Absicht, die dahinter steckt.
Es läge mir fern mit Negerkuss oder Mohrenkopf etwas rassistisches zu sagen, wobei ein Kuss von einem dunkler pigmentierten Menschen etwas sehr süßes sein kann ;-) und würde ich es mögen, würde ich mir auch ohne böse Absicht ein Zigeunerschnitzel bestellen.
Ich würde allerdings in der heutigen Zeit niemals jemanden als Neger bezeichnen, weil es einfach zu negativ belegt ist inzwischen und da die beiden Völker nicht mehr Zigeuner genannt werden wollen, dann muss man das auch akzeptieren.
Twix heißt ja auch nicht mehr Raider (doch das wissen nur noch die Älteren unter uns)

Auch zu uns wurde schon gesagt "Ach ist das ein Mongölchen?" als Jolina klein war, das ist zwar jedesmal so ein Stich im Magen, aber es war nicht böse gemeint und ich muss nicht einer älteren Dame die in den Kinderwagen schaut über den Mund fahren und ihr die Welt erklären, wenn es gerade mal nicht in die Situation passt.

Warum sagt man nicht mehr mongoloid? Weil das Volk der Mongolen sich beschwert hat, nicht die Menschen mit T21 (kurz für Trisomie21 = Down Syndrom)

Nie ginge mir übrigens weder das eine noch das andere über die Lippen, also "Mongo" oder "Downie"

Bild von Jenny Klestil

Es gibt verschiedene Gründe warum man es eigentlich nicht benutzen sollte

1. dieses "ie" ist eine Verniedlichung. Meine Tochter ist manchmal niedlich, aber auch nicht immer und vor allem ist sie schon 7 und bald ein Schulkind.
Man sagt ja auch nicht mein Brillie" wenn das Kind eine Brille trägt, oder Ohrie wenn das Kind Segelohren hat. Zuckerchen für das Kind mit Diabetes und Spangie für die meisten Teenager mit Zahnspange, Plautzie für die mit dickem Bauch und ich habe noch keine leidgeprüfte Ehefrau liebevoll über ihren Alkie sprechen hören, der mal wieder ne Sauftour hinter sich hat.

Also ich möchte nicht auf ein Merkmal reduziert werden, ich bin Martina und nicht Bloggie, oder Zwergie, oder Hatschie (weil ich extrem starke Allergien habe), stimmt Kratzie könnte man mich mit meiner Neurodermitis auch nennen.
Ihr habt Glück, dass ihr euch das auch nicht traut, ich glaube ich würde euch mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht springen.
Warum sollte man Jolina also Downie nennen?
Sie ist so viel mehr, man kann das fast nicht mit einem Wort beschreiben, witzig, frech, tolle Schwester, freigiebig, trotzig, ungeduldig und doch ausdauernd, ich glaube all diese Eigenschaften fasse ich am besten mit einem Wort zusammen, mit Jolina



Falls ich es für notwendig finde zu erwähnen, dass sie ein Chromosom mehr hat, dann tue ich das, aber sicher nicht mit "sie ist ein Downie"
Das würde ja heißen, Downies sind alle gleich.

Und hiermit kommen wir zu 2.
Ich habe noch keine 2 Menschen mit T21 getroffen die gleich waren. Manche haben ein Aussehen das sich ähnelt, andere haben gleiche Wesenzüge, viele haben einen Herzfehler, Jolina zB nicht, viele haben Probleme mit den Augen, Jolina ,leider ja.
Klar es ist inzwischen erforscht, dass das Gehirn bei T21 ein spezieller Typ ist (für Forscher) doch die würden Downie als letzte benutzen.
Es haben nicht mal alle ein 3. Chromosom 21 in jeder Zelle, manche haben nur ein Teil davon an einem anderen kleben, wieder andere haben nur in manchen Zellen dieses überzählige 21. Chromosom, selbst da sind sie unterschiedlich.

3. Dies ist für mich der aller. aller wichtigste Grund dieses Wort nicht zu benutzen. Menschen mit Down Syndrom mögen es nicht.

"Die Schauspielerinnen und Schauspieler vom Theater HORA haben heute für TOUCHDOWN 21 geschrieben. Danke dafür!
Wie finden sie es, wenn Menschen mit Down-Syndrom 'Mongo' genannt werden? Oder 'Downie'?
Julia Häusermann, wird sauer. Sie sagt: "Ich bin ein Mensch, der eine Behinderung hat. Einfach. Was man nicht sagen darf: Mongolid, Mongo, Schlampe - auf keinen Fall. Arschloch auch nicht. Die Wörter darf man nicht sagen. Sonst kann es sein, dass ich eine Ohrfeige gebe."
Quelle facebook Seite Ohrenkuss

"Unter der Überschrift "Wir lächeln das Leben an" zeigt die BILD Bilder der Fotografin Jenny Klestil. Sie hat Menschen mit Down-Syndrom und ihre Familien fotografiert.
Immer wieder passiert es, dass Menschen mit Down-Syndrom als "Downies" bezeichnet werden. Auch in diesem Artikel. Die Ohrenkuss-Autoren und -Autorinnen haben eine klare Meinung dazu: Sie finden es unangemessen.
Marley Thelen schreibt dazu: "Ich finde es auch total doof. Ich finde es total und unheimlich doof, mi...ch so zu nennen. Ich möchte es auch nicht. Wie weiß ich auch nicht, das finde ich voll schwierig. Ich finde das auch eine Verniedlichung."
Verena Günnel fühlt sich verletzt: "Ich mag das gar nicht gerne, wenn man so sagt einfach. Das tut mir auch weh. Ich kann nicht erklären, wie sich das anfühlt. Aber ich weiß, dass es auch weh tut."
Daniel Rauers findet es unpassend: "Das heißt behindert mit Down Syndrom. Das passt nicht."
Auch Julian Göpel mag den Begriff nicht: "Also ich finde das Wort überhaupt nicht gut. Ich weiß auch warum: Ich bin erwachsen. Ein erwachsener Mann mit Down Syndrom."
Paul Spitzeck hat eine prima Alternative anzubieten: "Ich find „Downie“ auch ist doof, weil das für mich ein Beleidigung ist. Besser ist: Mein Name einfach.""
Quelle facebook-Seite Ohrenkuss


Wenn man auf so ein Statement in einer Zeitschrift sagt "Ich sage das aber trotzdem, denn ich finde es nicht schlimm" muss ich sagen, man hat also keinen Respekt vor den Menschen mit T21.
Wenn sie doch vollkommen klar und erwachsen den Wunsch äußern, dass man dieses Wort bitte nicht nutzen soll und gerade Eltern von Kindern mit T21 sich diesem Wunsch widersetzen, muss ich echt schlucken und mich wundern.

Ich weiß, viele Eltern von Kindern mit T21 benutzen dieses "Downie", die wenigsten wissen überhaupt, dass man es eigentlich nicht sagen sollte und keiner meint es böse.
Es ist auch nicht meine Aufgabe diese Eltern zu belehren, oder sie ständig zu verbessern, genau so wenig wie ich die ältere Dame verbessert habe, die Jolina Mongölchen nannte. Gefallen muss es mir aber trotzdem nicht.

Was ich aber nicht dulde ist, wenn andere, die es wissen müssten meine Tochter als Downie bezeichnen, was sie ja zwar indirekt mit der Nutzung des Wortes tun, aber direkt geht gar nicht, hat noch keiner getan und rate ich auch keinem, denn dann gibt es eine Belehrung von mir, denn das ist mir dann zu persönlich.

Und jetzt kommt noch was das mir bitter aufstößt.

Da unterstützen sich die Eltern gegenseitig, was gut ist, einen Behindertenausweis, möglichst mit 100% zu bekommen.
Wegen des Down Syndroms

Da bekommen Eltern Pflegegeld, Stufe 1 oder sogar 2, was auch berechtigt ist.
Wegen des Down Syndroms

Da kämpfen wir Eltern um Inklusion, haben auch oft Rückschläge weil die Kinder eben nicht so mit halten können in Vereinen, den Schulen, in unserer schnelllebigen Welt.
Wegen des Down Syndroms

Da stürzen Eltern zu fast 100% erst mal in ein ein tiefes Loch, wenn sie erfahren, dass ihr Kind behindert ist.
Wegen des Down Syndroms

Und dann benutzt man das Down Syndrom als Kosename?

Vielleicht sollte ich aufhören zu viel zu denken und Dinge miteinander verknüpfen,
vielleicht sollte ich aufhören zu hinterfragen,
vielleicht sollte ich mir die rosa Brille aufsetzen, den Einhörnern beim Regenbogen pupsen zusehen,
dann würde mich Downie auch nicht mehr stören.