Mittwoch, 7. Dezember 2016

Stillen - Ein Erlebnisbericht

Schlafendes Baby mit Down Syndrom

"Sie wollen doch stillen?"
"Klar!"

Ich hätte mich auch sicher nicht getraut der Hebamme eine andere Antwort zu geben. Eigentlich ließ diese Fragestellung auch keine andere Antwortmöglichkeit zu ohne als absolut daneben da zu stehen.
Aber ich wollte ja stillen.
Wenn man mit über Mitte 30 zum ersten Mal schwanger ist, dann überlässt man wenig dem Zufall, alles ist geplant und man glaubt noch man hätte alles im Griff, war man doch die letzten Jahre Herr jeder Lage.

Ich hatte mir schon kurz nachdem zwei rote Striche auf dem Test zu sehen waren einen Berg Bücher gekauft. Vor 11 Jahren war ich zwar öfter im Netz unterwegs, hatte eine Reise HP, aber facebook oder Blogs waren noch gar kein Thema für mich, aber wie gesagt Bücher, VIELE Bücher.

Was hatte die letzte Generation doch nur für Fehler gemacht, Flaschennahrung ist ja das reinste Gift für die Kleinen und ihre Entwicklung und die Bindung zur Mutter.

Zusätzlich brachten mir die Bücher und meine Hebamme bei, dass eigentlich jede Mutter stillen kann und man einfach alles richtig machen muss.
Ich würde ALLES richtig machen, bestimmt.

Ich konnte die guten Gründe für das Stillen praktisch auswendig:

- Muttermilch enthält Nährstoffe die perfekt aufs Baby abgestimmt sind
- Muttermilch ist reich an Abwehrstoffen, gestillte Kinder werden seltener krank und schneller gesund
- Muttermilch schützt ihr Kind vor Allergien
- Stillen knüpft enge Bande
- Stillen fördert die Rückbildung
- Stillen ist praktisch
- Stillen spart rund 500 Euro in den ersten 6 Monaten
- Stillen mindert das Brustkrebsrisiko
- Stillen ist Seelenbalsam für die Mutter

"Sie wollen doch stillen?"
"Klar!"

Doch dann kam Louisa

Baby mit Flasche

Geplant war eine normale Geburt, alle Eventualitäten sollten ausgeschlossen sein. Da ich sehr klein bin und mein Mann 1,80 wurde mein Becken und das Kind vermessen (geschätzt auf 2700 Gramm)
Ich war fast 14 Tage drüber, also wurde die Geburt eingeleitet, Wehen, dolle Wehen, PDA, weil es dann doch nicht so easy auszuhalten war. Ich hatte ja gedacht, da ich an Schmerzen gewöhnt bin durch meine Wirbelsäulengeschichte stecke ich das weg wie nix.
Heftige Wehen, aber Geburtsstillstand, Abfall der Herztöne, innerhalb 5 Minuten Notkaiserschnitt mit nachgeschossener PDA. 3700 Gramm und zu groß für mein Becken.
Kurzes kuscheln mit meiner Tochter, weg war sie.
Die ganze Nacht, ich hatte Sehnsucht, fühlte mich leer und kein Kind, das ich hätte stillen können.

Ich wollte es trotzdem unbedingt, ich wollte es so sehr.
Louisa war ein extrem unruhiges Kind, wie schon im Bauch immer in Bewegung, immer angespannt und ungeduldig.

Zu Hause stillte ich dann, das Kind war nur am nörgeln und meist war sie nach den ersten gierigen Schlucken schon wieder abgelenkt und wollte lieber alles andere machen, nur nicht trinken.

Der Spruch der Hebamme "machen sie sich keine Sorge, wenn etwas in der Windel ist, bekommt sie ja Nahrung" brachte Louisa innerhalb der ersten drei Wochen fast bis zur Mangelernährung.

Sie bekam einfach nicht genug beim stillen, nicht weil ich es falsch machte, sondern mein Kind wollte lieber Samba tanzen, als Kuschelrock an der Brust.

Jetzt hatte ich aber diese ganzen Punkte oben im Kopf, nein, nein, nein!!! Das Kind musste doch unbedingt Muttermilch bekommen, das war wichtig.
Ich frage mich wie verrückt ich mich erst gemacht hätte, wenn ich damals in irgendwelchen Mütterforen gelesen hätte, oder in Blogs.

Ich habe tatsächlich eine Babywaage angeschafft und zog Zwiemilchernährung durch.

D.h. Erst wiegen, notieren, stillen, wiegen, fehlende Menge als Flasche machen, füttern.
Nur so konnte ich stillen und Louisa kam trotzdem auf ihre Menge.
Das füttern war auch nicht gemütlich, Louisa mochte keine Nähe, es klappte am besten wenn sie auf dem Boden lag und mit allen vieren rudern konnte und ich hielt ihr nur die Flasche hin. Übrigens kann Louisa auch heute fast nicht still sitzen, doch sie lenkt ihren Bewegungsdrang in die unterschiedlichsten sportlichen Aktivitäten.

Sie kam nur einmal am Tag auf ihre Trinkmenge. Nachdem sie die Nacht durch schlief, also von 23:00 bis 5:00 wartete ich schon sehnsüchtig, dass sie wach wird, sie trank im Halbschlaf komplett ruhig in meinem Arm ihre erste Mahlzeit und ich wünschte mir, das könnte immer so sein.

Sowas führt natürlich fast zwangsläufig zu einer Brustentzündung. So schlimm, dass ich Medikamente nehmen musste. Abstillen wäre eine Möglichkeit gewesen, doch ich pumpte ab, schüttete die Milch weg, damit ich bald wieder in diesen Wahnsinn einsteigen konnte.

So sehr war ich durch diese ganzen Stillempfehlungen unter Druck.
Ich wollte doch das beste für mein Kind.

Das Spiel zog ich 6 Monate durch.

Bei der zweiten Schwangerschaft sagte ich sofort: "So verrückt mach ich mich nicht mehr wegen der Stillerei, wenn´s nicht klappt, dann lasse ich es einfach, basta!"

Doch dann kam Jolina und ich setzte dem Ganzen die Krone auf

Baby mit Down Syndrom bekommt die Flasche

Jolina kam auch per Kaiserschnitt, 4 Wochen zu früh, ich hatte Ringelröteln(!), sie das Down Syndrom, eine extrem schlechte Sauerstoffsättigung und war dann erst mal weg auf der Frühchenstation.

Anstatt meinem Kind brachte man mir eine Pumpe ans Bett.
Jolina schlief sehr viel und ich pumpte auf Vorrat, ich hätte 1,5 Jolinas ernähren können. Wir versuchten es dann auch mit dem Stillen, eine große Herausforderung für hypotone Kinder mit Down Syndrom, aber so wichtig für den späteren Mundschluss und den Spracherwerb.
Es war schwierig, jede Kinderschwester hatte eine eigene Philosophie über das Stillen meiner Tochter und ihrer Sauerstoffsättigung. Ich erinnere mich an eine Nacht wo es wirklich ganz toll klappte, zum ersten Mal und dann piepten die Geräte, weil die Sauerstoffsättigung abfiel und man zerrte sie mir von meiner Brust, danach wurde es von mal zu mal schwieriger, selbst mit der Flasche war es ein Kampf, sie schaffte es kaum, sogar aus dem "Habermann-Sauger" war es einfach nicht einfach.

Als ich zu Hause war und Jolina noch auf der Säuglingsintensiv, pumpte ich brav und brachte meine Milch im Kühltäschlein in die Klinik.

Muttermilch ist doch so wichtig!

Mein Kind konnte nicht an der Brust trinken, mein Kind konnte nicht mal aus den Aventflaschen trinken über die ich nichts kommen ließ und die ich zu Hause hatte, mein Kind brauchte besondere Flaschen und Sauger und ich brauchte einen Fläschchenwärmer um die eingefrorene Muttermilch schonend auf Temperatur zu bringen.
Unser Tieffrierer hatte immer eine Schublade voller Muttermilch, also an mir lags nicht und ich hatte mich schon längst abgestillt, da trank Jolina noch Muttermilch.

Im Prinzip hört sich das ganz easy an - Abpumpen, ist es aber nicht.
Hier ist es wichtig die Zeiten einzuhalten, sonst geht die Milchmenge sehr schnell zurück. Jolina schlief extrem viel und wirklich durch. Sie schlief von 22:00 bis 7:00 aber ich stellte mir den Wecker um 4:00 setzte mich vor grottenschlechtes Nachtprogramm und kam mir vor wie eine Kuh an der Melkmaschine. Wenn wir eingeladen waren und es dauerte ein paar Stunden hatte ich die Elektropumpe dabei und zog mich dann zurück (so ein Pumpvorgang dauert übrigens auch seine Zeit). Jolina brauchte für eine Mahlzeit oft bis zu 50 Minuten. Ich denke ihr könnt euch vorstellen wie mein Tag aussah, pumpen, wickeln, füttern und dazwischen eine Dreijährige die immer in action ist.
Ich wollte den Wahnsinn von der Zwiemilchernährung nicht mehr wiederholen, hab ich auch nicht, ich habe es getoppt und 9 Monate (!) durchgehalten.

Klar, das sind Ausnahmen, aber ich könnte jedem wütend ins Gesicht springen der den Spruch loslässt "Jede Frau kann stillen"

Soll ich Euch was gestehen? Ich war so eifersüchtig auf die Mütter, deren Kinder unruhig wurden, sie die kurz anlegten und nach ein paar Minuten war die Sache "gegessen".
Ich empfand es als so extrem ungerecht, dass die das konnten und ich nicht, ich hatte doch alles versucht und ich hätte es wirklich verdient. Es ist eigentlich das natürlichste der Welt und ich kam mir so ausgeschlossen vor, so bestraft, nicht das Down Syndrom machte mich fertig, das passiert und zwar statistisch bei jeder 1000en Geburt (okay 90% davon werden ja abgetrieben) aber stillen kann doch angeblich jeder, nur ich nicht, womit hatte ich das verdient?

Es macht alles so schwierig. Ich erinnere mich noch an die Autopanne als Jolina genau 2 Monate alt war. Nun ja, Panne? Es schlugen Flammen aus meinem Motorraum. Wir saßen am Straßenrand, mit eisgekühlter Muttermilch, einer Pumpe ohne Stromanschluss, einer schmerzenden Brust und einem vor Hunger weinenden Kind. Nein, es hat keinen von uns umgebracht, doch es war einfach Scheiße und ich hätte mir so sehr gewünscht, ich hätte sie stillen können.

Deshalb finde ich es wirklich sehr bedenklich wenn ich manche Blogposts lese, bzw, meistens kann ich sie mir echt nicht mehr antun, die mehr wollen als nur ihren Weg beschreiben. Vielmehr wird es hingestellt als hätte die Schreiberin die Weisheit mit Löffeln gefressen und nur ihr Weg ist der richtige.
Ich finde es ganz schön vermessen und gefährlich.
Wie viele junge Mütter fühlen sich dadurch total verunsichert, weil sie es vielleicht anders machen.
Jeder ist anders, für jeden ist etwas anderes richtig und nicht immer sind alle Möglichkeiten gegeben.

Ich bin bald seit 11 Jahren Mutter, habe durch Jolina noch viel mehr Fachwissen erworben, als es mir eigentlich lieb ist und dann lese ich Blogs von Müttern, die gerade ihr erstes Kind haben, das wenige Monate alt ist und diese Mütter wollen anderen Müttern fast schon vorschreiben was richtig ist.

Impfen, Stillen, Familienbett, Fluor, Ernährung mit Fleisch oder ohne, Tragetuch, Spielzeug, etc pp

Es gibt kein Richtig oder Falsch, es gibt Möglichkeiten und man muss für sich den Weg finden der passt und der für einen selbst richtig oder machbar ist.

Natürlich ist Stillen im Prinzip der richtige Weg, wer will von mir aus 2 Jahre lang, für mich wäre das nichts, aber wenn´s Spaß macht, aber manchmal kann der Weg noch so richtig sein und doch muss man einsehen, dass es eben nicht möglich ist.

Liebe Mamas, hört bitte endlich auf euren Weg als das einzig Richtige hin zu stellen, ihr seid keine Psychologen, Ärzte, Chemiker, Ernährungsberater, Wissenschaftler, seht es ein ihr seid Mütter, nichts mehr und nichts weniger. Berichtet von eurem Leben, eurem Weg, vielleicht steckt ihr andere mit euren Ideen an, aber hört endlich auf zu glauben, ihr hättet die Pflicht andere zu eurer Meinung zu drängen und alles andere ist Schrott.