Samstag, 12. August 2017

Buchtipp: Astrid Lindgren - Ihr Leben

Biografie Astrid Lindgren - ihr Leben


Jens Andersen

Astrid Lindgren - Ihr Leben

Erscheinungstermin: 13. März 2017


Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Biografie dermaßen voller Spannung lese, nein praktisch inhaliere.
Ein großartiges Buch über eine überraschend starke Frau.

Zum ersten Mal habe ich ein Buch das ich rezensiere mit Post its gespickt, weil ich wichtige Dinge nicht vergessen möchte, doch am liebsten würde ich Euch das ganze Buch vorlesen so großartig is es geschrieben und so erstaunliche Details hat der Autor Jens Andersen aus den Archiven gefischt, auch Dinge, die noch nie über Astrid Lindgren veröffentlicht wurden.

Ich habe Astrid Lindgren noch erlebt, ich war ihren Büchern sogar schon entwachsen als sie neu auf den Markt kamen (ja, ich bin alt ;-)  )
Viele lieben Ronja Räubertochter, damals hatte ich schon ganz andere Dinge im Kopf und auch der andere Dauerbrenner aus Schweden ABBA war mir nicht mehr cool genug. Ich bin eben ein Kind der 70er und war in den 80ern schon schwer pubertierend bis schon erwachsen.

Wir haben es geliebt wenn Astrid Lindgren im Fernsehen auftrat und als Kind wunderte ich mich auch nicht warum die Frau so perfekt Deutsch sprach. In meiner Kindheit kam man an ihr nicht vorbei, ich hatte ein Puzzle von Pippi, natürlich die Bücher und Abends versammelte sich die Familie vorm Fernseher um gemeinsam über Michel zu lachen.
Madita habe ich im Fernsehen auch geliebt und Ferien auf Saltkrokan. Und wenn ich versuche zu erklären wie himmlisch und schön für Kinder wir wohnen sage ich immer "Wir wohnen in Klein-Bullerbü."

Mit zu der Bekanntheit von Astrid Lindgren gehört das extreme Arbeitspensum das diese Frau an den Tag legte, aber sie war auch eine gute Geschäftsfrau, hatte ihre Finger wirklich überall drin und wusste genau was sie will.

Ich dachte ich weiß viel über Astrid Lindgren, allerdings wusste ich scheinbar so gut wie nichts.
Ich werde Euch einmal ein bisschen was erzählen, das ich im Buch gelernt habe.

Für mich und viele andere ist Pippi so ein 60er Jahre-Ding, liegt am Film und den Klamotten von Anika und Tommy. In Wirklichkeit entstand Pippi aber im 2. Weltkrieg und könnt ihr Euch an den Zirkusdirektor mit dem starken Mann erinnern, der Direktor ist Deutscher und eine Persiflage auf Hitler.
Wäre Astrid Lindgren nicht krank geworden, so hätten wir vielleicht nie etwas von ihr gehört, doch gelangweilt ans Bett gefesselt schrieb sie Pippi auf. Sie hat später übrigens meist im Liegen geschrieben und zwar in Steno. All diese Stenoblöcke sind übrigens aufbewahrt.
Vielleicht schrieb sie deshalb auch so schnell und viel.

A.L. (ich kürze den Namen jetzt immer ab) war zusätzlich Lektorin in ihrem Verlag und auch ihre Schwestern und Freunde waren Teil dieses ganzen Verlagsklüngels. A.L. hat ziemlich gute Beziehungen und so auch den richtigen Motor für ihr Schaffen.

Sie hat nicht nur Bücher geschrieben, sondern Theaterstücke, Radiostücke, später Fernsehserien. Bereits damals wurde Pippi und alles der Autorin so extrem vermarktet wie es damals kaum der Fall war, erst die Amerikaner fingen an ihre Serien auch nebenbei im Spielzeughandel und auf Kleidung zu vermarkten, das gab es damals in Schweden schon kurz nach dem Krieg, erstaunlich.

Wer Ferien auf Saltkrokan kennt, Menschen in meinem Alter kamen da nicht drumrum, es gab ja nur 3 Programme und nur in 2 davon kam auch mal was für Kinder. Also diese Fernsehserie ist nicht nach dem Buch entstanden, sondern A.L. hat das Drehbuch geschrieben als Auftragsarbeit, der Roman kam dann erst danach.
Ein Zitat aus dem Buch zeigt, dass wer viel schreibt auch nicht immer beste Qualität liefert: "Nicht alles, was A.L. as der Feder floss, war Gold und Genialität, und gewisse Auftragsarbeiten erwiesen sich als Albtraum."
Das beruhigt ach mich als Blogger, nicht immer schreibe ich genial, aber ab und zu auch mal eine Perle.

Die Brüder Löwenherz kannte ich auch und das Ende verwirrte mich immer ein bisschen, war man doch so auf Happy End getrimmt und hier bleibt ganz viel offen. Es ist eigentlich auch ein sehr politisches Buch aus dem Jahr 1973, doch das A.L. nie zu und sagte es sei einfach der ewige Kampf Gut gegen Böse.

A.L. war schon immer politisch und schon immer eine Kämpferin und Vorreiterin. So war sie 1924 die erste Frau die sich in Vimmerby die Haare kurz schnitt und später bei einer Zeitung arbeitete. Auch für das damals schon so fortschrittliche und emanzipierte Schweden etwas besonderes. Wer bei Vimmerby aufhorcht, ja, das kennen wir Deutschen von Michel. Auch Pippi spielt dort, denn A.L. ist in Smaland aufgewacsen und viele Vorbilder ihrer Romanfiguren sind Teil ihrer Familie.

Sehr berührend ist die Geschichte, dass A.L. als ledige Frau Mutter wurde und der Vater des Kindes noch verheiratet war. Sie brachte das Kind heimlich auf die Welt und gab es 3 Jahre in Obhut einer Pflegemutter, das verkraftete A.L. nie und wusste, dass das Band zu ihrem Kind dadurch nie so stark war, wie es hätte sein können.

Die Ansichten über Erziehung von A.L. kann ich nur abnicken, genau so sollte es sein und man denkt sie hätte Mütter der heutigen Zeit kennengelernt und zu ihnen gesprochen: "...denk darüber nach was Du tust, und vertrau nicht unkritisch dem, was Du von Freundinnen und Verwandten zu hören bekommst - wie alt und erfahren sie auch sein mögen. Es ist dein eigenes Kind..." Heute könnte man noch Blogger und Ratgeber ergänzen.

AL. ging immer erhobenen Hauptes "Denn wissen Sie, die beste Art und Weise, die Leute zum Schweigen zu bringen, ist es, ihnen zu zeigen, dass sie mit ihrem Verdacht recht hatten"
Genau so haben wir es immer mit unserem Kind mit Behinderung gehalten und es wurde nicht getuschelt, denn es gab ja nichts zu tuscheln, wenn es öffentlich ist.

A.L. hatte viele Verehrer und eine große Verehrerin, mit der sie eng befreundet war, doch die Liebe der lesbischen Deutschen konnte sie nie erwidern, am liebsten war sie alleine mit sich oder verteilte ihre Liebe an die Kinder, nach dem Tod ihres Mannes fand sie alleine zu sein recht angenehm.

In einem Interview mit Vi erklärte A.L. dass man in der Erziehung Respekt gegenüber dem Kind haben muss und Zuneigung und Entschlossenheit und dass auch die Kinder Respekt vor den Eltern haben müssen.
Recht hat sie, Respekt vermisse ich heute so oft, Respekt darf man nicht mit Angst verbinden, doch ich erwarte, dass auch ich Bedürfnisse haben dar und nicht nur mein Kind, es ist wichtig, dass Kinder lernen, dass es noch andere gibt außer ihnen selbst.

A.L. äußerte 1947 die Hoffnung auf die neue Generation. Menschen die sich gegenseitig das Leben gönnen, humaner und großzügiger ist und keine Neinsager Rechthaber und Machtgierige sind. Ja diese Generation gab es, doch die Neu ist nachgewachsen und wenn ich mir das so ansehe......

1991 schrieb die Bild A.L. sei verwirrt und fast blind und säße nur noch am Fenster. A.L. wäre aber nicht sie selbst, wenn sie da nicht dagegen geschossen hätte. Natürlich war das mal wieder typisch BILD, denn gerade in der Zet unternahm A.L. noch Auslandsreisen und anstrengende Termine wahr.

Astrid Lindgren war so viel mehr als eine liebe Märchentante, sie war Autorin, Lektorin, Verlagsretterin (zB Oettinger in Deutschland), Drehbuchautorin, Umweltaktivistin, Mutter, Oma, Briefschreiberin, extrem stur, manchmal ein bisschen am Altertümlichen hängende, Preisträgerin, Mildtäterin und noch so, so, so viel mehr.

Lest es einfach selbst. wenn ihr hier* bestellt ist es morgen vielleicht schon da.




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