Donnerstag, 16. Juni 2016

Kindererziehung ist auch immer ein Abschied

Heute morgen zeigte mir facebook eine "Erinnerung", eine lustige Funktion, denn an manche Dinge erinnert man sich gar nicht mehr und gleichzeitig auch eine kleine Mahnung, denn so beweist uns facebook immer wieder, dass das Internet nichts vergisst.

Meine Erinnerung heute Morgen war ein Bild von Louisa, zwei Jahre alt, mit süßen hellblonden Zöpfchen, dazu ein paar Sprüche, die mir auch total entfallen waren,

Jetzt steckt sie schon in der Pubertät und ab und zu leuchtet schon die wunderbare Frau, die sie mal sein wird durch.


Wenn ich dann diese Kleinkind-Bilder von ihr sehe werde ich richtig wehmütig. Das ist doch gefühlt erst vorgestern gewesen wo sie noch so klein war, ihre ersten Schritte machte und alles wissen wollte und immer groß sein wollte.



Jetzt ist sie groß, naja, so halb. Ist kein richtiges Kind mehr und auch noch keine Frau. Will eigentlich lieber klein sein und manchmal dann aber doch schon groß.



Kindererziehung ist eigentlich von Anfang an loslassen können.
Wenn wir wollen, dass aus unseren Kindern selbständig denkende, verantwortungsbewusste und selbstbewusste Erwachsene werden, müssen wir schon ganz früh lernen, das Band immer mehr zu lockern, auch wenn es schwer fällt.
Mir setzte auch teilweise der Herzschlag aus wenn Louisa mit noch nicht mal zwei auf die extrem hohe Rutsche bei uns auf dem Spielplatz kletterte, nur nicht anmerken lassen, dass ich Angst hatte und hinterher das Kind bejubeln um das Plumpsen des Steines zu übertönen, der vom Herzen fällt.
Oder der Tag an dem sie zum ersten Mal alleine von der Schule nach Hause lief.
Immer sind das kleine Abschiede, Abschiede von Phasen in der Kindheit, die nie mehr zurück kommen.



Dinge die heute vielleicht manchmal vielleicht sogar nerven sind bald Vergangenheit und ich sollte sie genießen, so lange ich noch ein Teil davon sein darf.
Noch darf ich mit zu Aufführungen und bin nicht peinlich, noch braucht sie mich um sie zum Ballett zu fahren, aber wie lange noch?
Noch vor gar nicht langer Zeit (oder kommt es mir nur so vor und es ist auch schon wieder ein Jahr her?) war ich in die Verabredungen meiner Tochter mit ihren Freunden involviert. "Mama, kannst Du mal bei A. anrufen ob wir heute spielen können?"
Ich grummelte dann immer rum, warum man das nicht in der Schule schon ausgemacht hätte.
Heute sind die wenigsten Telefongespräche die hier rein kommen für uns sondern für Louisa (wahrscheinlich weil sie immer noch kein Handy hat)
Oft kommt nach der Schule mein Kind auch gar nicht erst nach Hause, sonder ruft von einer Freundin aus an: "Du-uu, ich bin bei A. - wir machen die Hausaufgaben zusammen, wann soll ich zu Hause sein?"
Oder sie eröffnet mir, dass gleich E. vorbei kommt und mit uns dann mal zum Schnuppern beim Ballett mit uns mit fährt.
Ich entgegne dann nur noch schwach: "Aber das musst du doch erst beim Ballett abklären." und bekomme als Antwort: "Das hab ich doch schon letzte Woche gemacht."


Zum Glück ist Louisa nicht der strukturierte Typ und vergisst dann öfter mal was, wie zB, dass sie zwar jetzt von der Schule aus gerne mit ihrer Freundin direkt zu Akrobatik fahren darf, aber sie hat ja gar keine Klamotten dafür dabei. Das sind dann die Kleinigkeiten für die ich dann doch noch nicht ganz nutzlos bin. Puh, Glück gehabt.
Diese Woche hat sie beschlossen, dass sie Mittags von der Schule in den Rollschuhen nach Hause fahren möchte, sie packte also ihre Schuhe in die Schultasche und setzte sich schon mit Rollern an den Füßen bei Papa ins Auto (mit dem fährt sie morgens immer zur Schule).
Mittags kam sie dann doch zu Fuß und hatte ihre Rollschuhe in der Hand. "Ich konnte nicht fahren, ich hatte den Helm vergessen."
Mist, da hatte ich auch nicht dran gedacht, Morgens brauche ich immer etwas bis mein Gehirn zu 100% arbeitet.
Und ich war unheimlich stolz auf mein Kind, andere wären dann ohne Helm gefahren, sie nicht, toll.
Sie weiß, dass uns das wichtig ist und Vertrauen gegen Vertrauen - wir lassen sie, auch mit leichten Unwohlsein über die Straße rollern und sie zeigt im Gegenzug wie vernünftig sie ist.
Ein weiterer Abschied, vom impulsiven Grundschulkind.



Ich weiß noch als ich in dem Alter war, lange her *hüstel*, da hasste ich es, wenn jemand "Kind" zu mir sagte, es kam dann immer ein trotziges: "Ich bin kein Kind mehr!" auf die Frage was ich denn dann sei wusste ich aber auch keine Antwort, Jugendliche?
Alles ist in dem Alter in Bewegung, nichts passt mehr zueinander und ich glaube es fällt den "Nicht-mehr-Kindern" selbst schwer, weil sie gerade Abschied nehmen von der eigenen Kindheit und manchmal gibt es dann noch eine Abschiedsvorstellung mit den Barbies.



Manchmal überlege ich, ob Louisa sich anders entwickelt hätte, wenn Jolina kein Down Syndrom hätte. Aber eine Antwort darauf finde ich nicht wirklich.
Zum einen war sie schon immer sehr reif und weit für ihr Alter (siehe facebook-Erinnerung: "sagt dieses Kind beim flüchtigen Blick auf die Zeitung "Och, das ist das Zeichen der Piraten" ich kannte das nicht mal, dachte ich doch tatsächlich die hätten die Totenkopfflagge, auf die Frage "Woher kennst Du die?" Kommt nur "Mama, das sind Politiker!" Ja, klar - mein Vorschulkind ist so ein Klugsch....." und zum anderen gab es noch nie Tabuthemen hier im Haus.
Sie hat mit Sicherheit Erfahrungen machen dürfen, die andere Kinder nicht hatten.


So lernte sie Menschen quer durch Deutschland kennen in deren Familie auch ein Mitglied das Down Syndrom hat. Sie zählt ganz selbstverständlich alle Kinder der Familie von Sontje als ihre Freunde auf, als würden sie sich jede Woche sehen und sie hat keinerlei Berührungsängste anderen Menschen mit Down Syndrom gegenüber.
Dieses etwas eigenartige Leben das wir führen zeigt ihr, dass unsere Familie gar nicht besonderes ist, denn es gibt noch viele andere in denen es ähnlich ist wie bei uns.
Wenn sie einmal Erwachsen sein wird und zurückblickt, weiß sie, dass sie kein Einzelkämpfer war, sondern Teil einer großen Gemeinschaft, die der Geschwister, oder Familienangehörigen eines behinderten Menschen.


Als Jolina zur Welt kam, dachte ich es wäre auch ein Abschied für Louisa von einer normalen Kindheit. Natürlich hatte ich Angst andere würden mit Finger auf sie zeigen als "die Schwester von..." Unsinn, kein Abschied, Louisa ist Louisa geblieben für sich selbst und für ihre Freunde.
Louisa liebt es zu tanzen und so tanzt sie auch durch ihr Leben, oft ein wenig zu beschwingt und leicht, aber nie mit andauernd schweren traurigen Schritten und gesenktem Blick.
Genau so sollte ein Geschwisterkind sein, ohne schwere Gedanken über die Zukunft oder zu verkopft. (Ich gebe zu, ich wäre so gewesen verkopft und ständig am vorplanen was jetzt passieren könnte und was wohl sein würde was ist wenn....)
Vielleicht hat Louisa deshalb auch wenig Lampenfieber vor ihren Auftritten, sie lässt es einfach auf sich zukommen.



Ein Abschied steht gerade im Moment an, denn bald kann ich viele Kinderschnitte nicht mehr für sie nähen, denn die gehen oft nur bis Größe 140 und sind auch eher für Kinderfiguren gemacht und nicht für die von pubertierenden Mädchen.
Vielleicht ist das der letzte Schnitt von Mariele den ich für Louisa mit probenähen konnte.
Von der Kinderabteilung im Kaufhaus haben wir uns auch schon verabschiedet und sind in der für "Teens" gelandet, wo man sich auch gleich mal von den günstigen Preisen verabschieden darf.
Beim nähen darf man sich auch davon verabschieden aus 1 Meter Stoff noch richtig viel Kleidungsstück raus zu bekommen.



Ich war ja unsicher ob Louisa mir diesen Stoff abnicken würde und das Kleid, doch beides wurde begeistert für gut befunden.
Hätten wir weniger Regen, dann hätte sie es schon viel öfter getragen, so macht nur der Sommer, der keiner ist, diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.
Wo wir schon bei Abschieden sind, ich weigere mich von der Vorstellung zu verabschieden, dass dieser Sommer noch den Hintern hoch bekommt und traumhaft wird.

Falls das nicht so ist, das Kleid Delilah kann man auch mit langen Ärmeln nähen.





E-Book: Delilah von Mariele
Stoff: "sewing" von Cherry picking 
genähte Größe: 140
Model: Louisa
Fotos: ©JoLou

Kommentare:

  1. Ein schöner Text und ein schönes Kleid, an einer sehr hübschen Tochter.
    Die Helmgeschichte ist ja schön. Das sagt so viel über euer Kind, da könnt ihr sehr stolz auf sie sein.

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  2. Hi Martina! Auch wenn ich in manchen Sachen ganz anders war/bin als Louisa (ich hasste Sport und war nie das "hippe Mädchen", dass sooo viele Freundinnen hatte), so erkenne ich mich doch in einigen Sachen wieder.
    Ich galt als "Kind", eigentlich bis zum Abitur hin als "Angsthase" und schämte mich dafür, die Geschichte mit dem Helm könnte 1:1 von mir stammen! Und siehe da: Heute mit 26 fahre ich mit dem City-Scooter mit HELM zur Arbeit werde zwar hin und wieder belächelt, aber es ziehen eher alle den Hut vor meiner "Sportlichkeit" ;-P bzw. meinem Selbstbewusstsein. Außerdem kann ich heute "stolz" berichten, dass ich keinen Alkohol trinke, bzw. es noch nie nennenswert getan habe.....DIES wurde während der Studentenzeit sogar mal mit "voll cool" kommentiert. Mir scheint als hätten sich die Dinge zum "Guten" gewandelt. Was Andere und vor Állem ICH SELBST als ängstlich und langweilig gewertet haben, gilt jetzt eher als "alternativ, cool und selbstbewusst". Ähnliches gilt für die selbstgenähte Kleidung.
    Das mit dem Wunsch "klein zu sein" kommt mír ebenfalls bekannt vor. Zum Einen geschieht es unbewusst, schließlich steht hier (Stichwort Schulwechsel)der Übergang in eine sehr spannende und lehrreiche Zeit ebenso an wie der Abschied vom Klein sein; die Gymnasialzeit ist die ZEit im Leben, die als KIND beginnte und als ERWACHSENE endet...es gibt nach den Sommerferien quasi kein "Zurück" mehr.....und Menschen sind da ähnlich wie der Strauß der seinen Kopf in den Sand steckt: "spiele ich nur Barbie, sehe ich nicht die Herausforderungen der neuen Schule..."
    Der andere Punkt ist der, dass man in der Pubertät die Eltern provozieren will: so lange sie an einen Erwartungen stellen wie an eine Heranwachsende muss man ihnen natürlich zeigen wie "unangemessen" dies ist und wie "man unter Druck gesetzt wird", um dann sobald sie diesen "Druck" wegnehmen vorzuwerfen wie "babyhaft" sie einen behandeln und sie im nächsten Schritt unter demonstrativer Coolness mit einer wahnsinnig vernünftigen, erwachsenen Aktion (siehe Helm) zu "schocken".
    Auch wenn dies jetzt altklug klingt: "hätte hätte Fahrradkette".....diese Gedanken kennt JEDER, ob sich das "HÄTTE" nun auf die Schwester, das Einkommen der Eltern, die Ernährung, oder die Herkunft bezieht......Es IST so wie es IST und "man", besser gesagt "WIR" müssen und KÖNNEN das beste draus machen...wo wir wieder bei der "Reise nach Holland" wären.....(schreibt die, die täglich in Gedanken ihre Eltern kritisiert..)
    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Ja Helm ist schon wichtig, das sehe ich ein.
      Man kann es aber auch übertreibe: Ein bekannter von mir fährt nur mit sowas: https://www.scooter-kickboard.de/helmeundschuetzer/mouth-teeth-guards/wilson-mg2-teeth-mouth-guard-blue-ab-11-jahre/a-4784/ Rollerskates.
      Er meint, was bringe ihm der Helm wenn er sich dann beim Sturz die Zunge abbeißt.
      Ja, irgendwie schon logisch, aber Unterhaltungen beim Skaten gestalten sich mit ihm oft schwer :D

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  3. Frau JOuLOu, du hast zuviel Zeit zum Denken, das was du beschreibst, ist einfach das Leben. Und es läuft doch gut!
    Bevor du dich versimulierst - geh sporteln :-)))
    LG Anja

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  4. Was für ein toller Post.

    Liest Louisa hier eigentlich mit?! :-)

    Liebe regnerische Grüße, Jana

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  5. Huhu :-)
    Wirklich schön geschrieben und erinnert mich in einigen Dingen an meine Tochter.
    Weiter so, eine schöne weitere Woche noch und liebe Grüße
    Hanna und Lotta

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♥♥♥ Kommentare sind wie ein guter Nachtisch, sie machen die Sache erst perfekt. Danke dafür ♥♥♥