Samstag, 18. Juli 2015

Der Tag an dem Eltern uncool werden

Eigentlich habe ich noch 2 Posts die ich unter die Leute bringen wollte.

Einmal unser Besuch im Freilichtmuseum und dann der Tag an dem wir Eltern mal wieder endlich was gefühlt cooles gemacht haben.
Doch dann wurde ich gestern von einer auf die nächste Sekunde alt und fühlte mich doch schon leicht uncool.

Natürlich weiß man, dass Kinder groß werden und dass die uns Eltern ganz anders sehen als wir uns selbst. Da kann man sich noch so voll im Trend fühlen und denken man sei cool und die Kinder müssten einen anbeten weil man ja viel modernere Eltern ist als die eigenen früher, die ja schon megapeinlich waren.

Wenn ihr Kinder habt die noch in der Grundschule sind oder kleiner genießt es, es geht ganz schnell vorbei. Klar merkt man die Veränderung, doch das Erwachen ist dann plötzlich von einer auf die nächste Sekunde.

Diese Sekunde war bei mir gestern.

Natürlich werde ich Euch nicht haarklein berichten was bei uns die ganze Zeit schon so los ist, ich weiß, dass mein großes, kleines Mädchen sich mit nur 9 Jahren schon auf den Weg zum Teenager gemacht hat. Für meinen Geschmack recht früh, aber das ist vielleicht auch ein Tribut daran, dass sie ein klein wenig früher erwachsen werden muss, oder Dinge verstehen muss durch ihre Schwester mit Down Syndrom, die an andere Kinder noch nicht herangetragen werden.

Ich merke dies immer öfter zur Zeit wenn ich mich mit Eltern ihrer Schulfreundinnen unterhalte, wenn ich von Dingen berichte, die Louisa schon für sich entscheidet, oder welche Wege sie inzwischen einschlägt, weil sie einfach andere Denkmuster hat bekomme ich als Antwort ganz oft "Aber sie sind noch Kinder, sie können das noch gar nicht begreifen." Doch sie kann das aber schon.

Ganz oft merke ich gerade wie sie selbstsicher wird und auch Aktionen ihrer Freundinnen mit einem Blick betrachtet, die Erwachsene darauf haben würden. Natürlich ist sie 5 Minuten später plötzlich wieder das kleine Mädchen das eigentlich nur Spaß haben möchte - Pubertät eben.

Als wir am Samstag im Freilichtmuseum waren hatte ich einen Blick auf ein unbeschwertes Kind, das mit ausgebreiteten Armen einen Waldweg hinunter lief und mit diebischer Freude dabei ihre Stimme im laufen "mithüpfen" ließ "aa--aa--ahhh--aaahhhh-aaa". In dem Moment war es ihr auch egal ob das jemand beobachten konnte und was man darüber denkt. Sie war glücklich und kindlich frei, schön zu betrachten mit dem Wissen, dass diese Momente einfach weniger werden.
Natürlich hat dieses fröhliche Kind vor der Abfahrt noch gefragt ob sie ihre Schuhe mit den doch recht hohen Absätzen anziehen darf, hüstel, ich musste ihr erklären, dass auch ich flache Treter anziehe um besser auf den unebenen Wegen laufen zu können und dass man solche Schuhe nicht zu so einem Ausflug anzieht, damit wäre sie auch nicht den Waldweg runter gerannt, hihi.

Ich achte auch inzwischen ganz genau darauf was ich poste, schließlich möchte ich nicht, dass ihr später daraus mal ein Strick gedreht wird. Das Internet vergisst nicht und ich frage mich manchmal wie wenig Respekt Eltern vor ihren Kindern haben, wenn sie bestimmte Bilder zB in facebook veröffentlichen, gerade die von Kindern mit Down Syndrom. Da werden 12 jährige im Schlafanzug beim schlafen in seltsamer Haltung öffentlich gepostet, Text: "Heute war es sehr anstrengend! Wie witzig"
Ganz ehrlich? Louisa würde mir heute schon sonst was erzählen und ich frage sie auch vor der Veröffentlichung von Bildern (auch dieser Blogpost) ob die für sie okay sind, so ein Bild wäre für sie nicht okay und daran sieht man leider auch welche Gefühle manche Eltern ihren behinderten Kindern gegenüber haben, sie behandeln sie immer noch wie Kleinkinder und halten sie damit noch zusätzlich unselbständiger.

Auch Jolina ist kein Kleinkind mehr und auch wenn einige Verhaltensmuster noch sehr kleinkindlich sind und sie mir nicht mit Sprache deutlich erklären kann was sie empfindet muss ich doch akzeptieren, dass sie eben schon ein großes Mädchen ist und ich in gewissen Dingen aufpassen muss sie nicht selbst zu unterschätzen.
Daher habe ich auch Probleme wenn Eltern ständig Bilder posten mit den Unterschriften "Niedlich", "So süß" usw, wenn andere es so kommentieren ist es ja lieb gemeint und nett, aber sehen diese Leute ihre eigenen Kinder nur als süß und niedlich, sind sie sonst nichts für sie was sie unter ein Foto schreiben könnten? Eine kleine Katze ist auch süß, aber ein Kind darauf zu reduzieren zeigt mir wie wenig Wertschätzung man den Fähigkeiten des eigenen Kindes da entgegenbringt. Ich persönlich brauche auch keinen fremden Beifall um zu wissen, dass meine Töchter toll sind, ich sie abgöttisch liebe und natürlich die schönsten Kinder der Welt sind. Ich bin doch ihre Mutter und alle Mütter sind so, nun ja, die meisten.

Aber puhhh, ich schweife ja schon wieder ab.

Also, ich hoffe Louisa ist dieser post jetzt oder später nicht peinlich, aber ich gebe mich da keiner Illusion hin, in absehbarer Zeit wird wohl alles peinlich sein was ich mache. Das passiert ganz automatisch, sobald die Kinder älter werden, wird man selbst zum ober mega, teils auch Giga peinlichen Freak.
Zur Zeit ist nur Jolina peinlich, also manchmal, oder dann doch immer öfter, uuupps, genau das wovor ich nach Jolinas Geburt eigentlich Angst hatte.

"Mama, Jolina darf NICHT nackt ins Planschbecken! Zieh ihr SOFORT etwas an!"
"Wieso, ist doch nur unser Garten, da sieht sie doch keiner."
"Doch die Jungs in der Nachbarschaft könnten über die Hecke schauen, das ist voll peinlich!"

oder

"Boahhh Jolina, mach den Mund zu beim kauen, das ist peinlich wenn das jemand sieht."

oder

"Manchmal ist es schon peinlich wenn meine Freunde Jolina nicht verstehen."

Ich weiß, dass es ein ganz natürlicher Prozess ist und kleine Geschwister immer nerven, aber Jolinas Behinderung hat hier natürlich eine große Palette an Angriffsmöglichkeiten, die dann schon ganz schön verletzend sein können, vor allem für die Eltern, doch ich weiß auch, dass sie es nicht bösartig meint, natürlich muss ich dann erzieherisch eingreifen und etwas dazu sagen, aber ich verstehe sie, war ja schließlich auch mal jung, vor gefühlt 200 Jahren.

Jetzt aber zu der Sekunde in der ich plötzlich ALT war.

Ich zeige Euch mal ein Video und Hilfe!!!!! auch ich sah mich teilweise sehr gut getroffen.






DAS!! war die Sekunde als ich alt wurde.

Louisa nervte die ganze Zeit: "Kannst du mir die Lochis laden?"

Natürlich konnte ich damit nichts anfangen, ich fühlte mich bis zu diesem Zeitpunkt ja noch voll auf der Höhe des Zeitgeistes, habe selbst ein Videoportal abonniert, weiß dass es Internetstars gibt die einfach nur seltsames Zeug in die Kamera labern und die jüngere Generation flippt aus, bei den Tipps wie man sich den Lidstrich zieht, oder welcher Gürtel gerade getragen werden muss, bin immerhin auch ein Blogger und betreibe 2 facebookseiten, knipse brav Instabilder und und und....

Aber die Lochis kannte ich eben nicht.

Bei dem Namen dachte ich mir am Anfang auch eher es würde sich um Zeichentrickfiguren handeln, diese schrecklich quietschigen Dinger die uns Eltern schon die Zehennägel hochrollen wenn man nur die Stimmen aus der Glotze hört und man früher der festen Überzeugung war: "Meine Kinder schauen so einen Scheiß aber mal nicht!"

Alle die das denken, natürlich schauen sie diesen Mist mit Begeisterung und wenn sie das nicht zu Hause dürfen, dann bei Freunden und sie werden es Euch natürlich nicht erzählen, höhö, so doof sind Eure Kinder nicht.
Obwohl, Louisa ist genau so wie ich sie mir gewünscht habe, sie ist mir in der Beziehung sehr ähnlich.
Ich konnte meiner Mutter alles, wirklich alles sagen und so hatte ich auch immer eine Anlaufstelle. Ich erzählte auch ganz cool: "Heute haben wir mal wieder Englisch geschwänzt" und dummerweise bekam ich dafür nicht mal eine Strafe sondern ein trauriges Gesicht der Mutter und den Spruch: "Dir ist klar, dass ich das jetzt nicht so gut finde, ich hab das einmal gemacht und fühlte mich danach schlecht."
Der Effekt war viel effizienter als jeder Anbrüller, denn eine enttäuschte Mutter fand ich viel schlimmer als eine wütende und zusätzlich stieg sie natürlich in meiner Anerkennung, hey in den 50ern hat man auch schon Schule geschwänzt, sogar meine "langweilige" Mama.

Gut, die Lochis sind also keine Zeichentrickfiguren, ja Jungs, sorry, so sind Eltern nun mal, denken bei so einem Namen gleich wieder Blödsinn.

Ich spielte also das Video ab und Louisa stand mit leuchtenden Augen neben mir. Meine Augen weiteten sich, aaahhhhh, Milchbubis? Was waren das für Milchbubis?
"Mama, sind die nicht cool?"
ja, cool, aha
"Mama, Mama, gleich wirds witzig, schau doch!"
oh mein Gott, das Kind hat einen ganz verklärten Blick, was passiert da gerade?
"Schau mal das ist Nachts! Der schläft!"
Ja-ha, ich sehs, für wie doof hält die mich gerade?
"Und? Und, Mum? Das sind die Lochis! Die sind doch toll, oder?"
ääähhhh, nun ja, toll? Ich bin gerade um gefühlt 30 Jahre gealtert, soll ich das toll finden? Bisher fand Louisa ja eher solche Disney Serien toll, "Meine kleine Schwester Charly" "Die Thundermans" usw und dort identifizierte sie sich eher mit den Mädels. Als Bücher verschlingt sie "Die Vampirschwestern" und natürlich ist da dieser eine Junge für den morgens das Haar entweder offen oder in einer bestimmten Art und Weise gestylt getragen werden muss, aber das hier verursachte herzchenförmige Pupillen, meine Tochter war zum Fan mutiert.

Natürlich sind diese Jungs nicht schlecht, darf ich zugeben, dass ich sie ganz witzig finde und die Songs mag ich eigentlich auch, aber trotzdem, aaahhhh, die Jungs wollen doch gar nicht dass Eltern sie gut finden.

Diese Gedankengänge ratterten natürlich viel schneller durch mein Hirn als ich das hier schreiben kann.

"Welcher Elterntyp bin ich denn?"
"Wann muss ich den morgen zur Generalprobe?"
"Jetzt sag schon, bin ich auch so?"
Mist, das Kind gibt keine Antwort, das bin ich, ICH BIN AUCH SO! HILFEEEEEE! Ich bin nicht die coole Mum, ich bin einer von 10 Elterntypen, oder auch eine würzige Mischung daraus, natürlich nicht die RTL2-Typen und schon gar nicht die mit "F" aber ich sage gerne "Nein", wobei, auf die Fragen die meine Tochter stellt muss man doch einfach nein sagen.

"Wann ist denn jetzt Probe?"

Okay, da werde ich also keine Antwort bekommen.

"Los, schau Dir mal das an, das ist total cool."
"You Tube kannst du auch auf der Wii schauen."
"Das weiß ich doch, Mamaaaaa."

Warum fühle ich mich geistig minderbemittelt wenn sie dieses A so in die Länge zieht?

- Zwischenspiel: Gerade kommt Töchterlein vom Schwimmkurs, ihr Ton ist recht, wie soll ich sagen? hormongesteuert, am besten gehe ich in Deckung und sage nichts falsches.
Mist, ich habe mit einer belanglose Frage das FALSCHE gesagt und zusätzlich schaut Jolina gerade die falsche DVD, das geht ja wohl gar nicht und ich weiß, das wird noch schlimmer, das ist ja nur der Anfang, doch tief drinnen ist die Hoffnung, dass sie einer der seltenen Fälle ist an denen die Pubertät vollkommen unbemerkt vorüber zieht und alles wundervoll harmonisch abläuft. Ach was, das wäre ja auch langweilig, ich will keine langweiligen Kinder.


Mein Post bei facebook hat mir viele Antworten eingebracht, zum einen habe ich einen Teil meiner Freunde auch durch die Zeitmaschine geschickt und sie sind auch gealtert, andere haben das schon hinter sich und kannten die Lochis, ja irgendwie klar, die vielen Klicks müssen ja von jemand kommen, da ist es nur logisch, dass Sprösslinge der Leutchen meiner recht umfangreichen "Freundesliste" dabei sind. (Ich unterscheide übrigens Freunde und Bekannte so bin ich tatsächlich im 3 stelligen Bereich, Gott ist das peinlich)
Es gibt auch Kids die haben Lochis-Verbot (Louisas Freundin auch, wie ich gerade beim Mittagessen erfuhr - ja, DieLochis sind bei uns auch Thema bei Tisch, hihi)

Ich bin übrigens der Meinung, dass Verbote wenig bringen, reden über Dinge, die mein Kind noch nicht versteht finde ich viel wichtiger.
Habe ich meiner 3-jährigen damals doch auch etwas von einem 3. 21. Chromosom erzählt, wenn ich ihr erklärte warum ihre Schwester so "anders" ist. Verstanden hat sie es damals sicher nicht so richtig, aber heute kennt sie sich recht gut mit Down Syndrom aus, weil ich eben immer offen mit ihr darüber gesprochen habe und es ist normal für sie, weil es nichts geheimnisvolles oder Fremdes für sie ist. So sollte Erziehung funktionieren, Kinder verstehen viel mehr als wir ihnen zutrauen und wenn meine Tochter dann fragt "Was ist denn ein Dildo?" ist mir das tausendmal lieber wenn ich ihr das erkläre (in harmloser Form) und sie das für sich abhakt mit "so ein Käse muss ich nicht wissen/haben/benutzen" als wenn es die Kids untereinander herausfinden.

Da wird es noch genug Dinge geben die sie selbst herausfinden wird und auch muss, denn vorm Erwachsen werden kann ich sie nicht beschützen und wenn die Lochis ein Teil davon sind, dann ist das eben so, bei mir waren es "The Teens" und "Tommi Ohrner", damals war ich 10, also auch nicht wirklich älter und damals fing es auch mit der BRAVO bei mir an.
Meine Eltern nahmen das so hin und ich finde ich bin ein toller Mensch geworden (ein bisschen auf die eigene Schulter klopf) und genau so möchte ich das bei meinen Mädels halten.

Mein Nachteil ist nur, dass ich schon etwas älter bin, könnte ja die Großmutter meiner Tochter sein, somit fällt es schon mal weg, dass ich mit ihr Abends in die Disco gehe. Hat eine Kollegin früher immer gemacht mit ihrer Tochter und wir damals noch jüngeren Mitarbeiter verrissen uns im Hintergrund das Maul über sie, wie peinlich der Tochter das wohl sein muss und ob die anderen nicht sagen "Hey, jetzt kommen die schon zum sterben her." Nein, besonders nett waren wir nicht, spät pubertär mit Mitte 20, tztztztz.

Ich gehe jetzt mal mein Oma-Outfit anziehen und orthopädische Schuhe um meine Tochter zur Generalprobe ihres Ballauftrittes zu fahren und halte mich dezent im Hintergrund, bald muss ich wahrscheinlich um die Ecke parken, also gehe ich alte Frau mal mit und versuche keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Kommentare:

  1. Ich finde die Lochis total beknackt und würde mein Kind die nie anschauen lassen. Ja, du hast Recht: Was man verbietet, das wird interessant. Aber was man dauerhaft zulässt, das wird normal. Und ich will nicht, dass es für meine Kinder normal ist, über "f***nde Eltern, bekloppte Lehrer und scheiß Schule in dieser Form zu reden.
    Wenn sie das bei Freunden oder auf dem Schulhof mitkriegen, kann ich das nicht ändern. Aber ich kann klar machen, dass das bei uns in der Familie nicht vorkommt, dass ich mich so nicht ausdrücke und dass ich das - pubertätsbedingter Hormonüberfluss hin oder her - auch von meinen Kindern erwarte.

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  2. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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